Kultur : Die nächste Generation

KATJA REISSNER

In Indien lebt ein Fünftel der Weltbevölkerung. Das sind etwa 900 Millionen Menschen. Vielleicht ein Prozent davon kauft und sammelt Kunst, zum Beispiel auf dem profilierten Markt für moderne Kunst in Megastädten wie Bombay und Kalkutta, so schätzt Ranjana Steinrücke, Galeristin von The Fine Art Resource und Spezialistin für Gegenwartskunst aus Indien. Jetzt gibt es bei Ranjana Steinrücke Gelegenheit, drei etablierte Repräsentanten indischer Gegenwartskunst zu sehen: Einmal Bhupen Khakhar, der als der große alte Mann der modernen Malerei in Indien gilt und von Jan Hoet auf der documenta IX präsentiert wurde. Dazu kommen zwei Künstlerinnen: Nilima Sheikh und Nalini Malani. Alle drei gehören zur zweiten Generation zeitgenössischer Künstler nach der indischen Unabhängigkeit von 1946.

Sheikh knüpft direkt an die Schönlinigkeit und Farbbrillanz der indischen Tradition in der Miniaturmalerei an und bezieht sich auch thematisch auf die dort gebräuchlichen mythologischen Figuren und Sujets. So verweist sie in ihren Bildern auf die Legenden der indischen Dichterin Akka, die im 16. Jahrhundert gelebt hat. Ihre künstlerische Freiheit gewinnt sie dadurch, daß sie keine stringenten Geschichten erzählt, sondern die Figuren locker in eine Malerei einbindet, die sich ganz aus einem ornamentalen Flächenmuster löst und eine eigene Dynamik der Farbe demonstriert.

Wer mit Neuem konfrontiert wird, der versucht Vergleiche: Ein wenig mögen Sheikhs großen, freihängenden Temperabahnen auf Nessel an die träumerischen Märchenbilder eines Mimmo Paladino aus den achtziger Jahren erinnern. In ihren feinen Papierarbeiten gewinnen auf zartfarbigen Hintergründen delikate Lineaturen ein Eigenleben. Besonders weibliche Figuren stehen im Mittelpunkt der Darstellung. Falls es sich hier um eine Kunst mit feministischer Tendenz handelt, so kann man dies nur einschätzen, wenn man den Kontext der Tradition wirklich kennt. Allzu schnelle Rückschlüsse auf frauenbewegte Weltaneignung sind jedoch sicher fehl am Platz.

Während diese künstlerische Sicht- und Arbeitsweise ganz von der Tugend harmonisierender Schönheit geprägt ist, trifft man bei Malani auf Irritation und Verstörung. Sie nimmt einen kritischen und distanzierten Standpunkt ein, der durch ihre Auseinandersetzung mit der französischen Avantgarde (z. B. Beauvoir, Sartre, Strauss, Godard) vom Anfang der siebziger Jahre in Paris geprägt wurde und sie Gegenposition zum Postkolonialismus beziehen ließ. Isoliert steht bei ihr eine weibliche Figur schwarz und armlos vor dem unbehandelten Hintergrund wie ein Totem. In den sich überlagernden Schatten und Umrissen eines anderen Bildes streben mutierende Formen gegeneinander, verlassen die Gewißheit der schönen Gestalten und alten Geschichten.

Scheinbar beziehungslos sind menschliche und tierische Schemen dem Szenario einer neuen Unordnung ausgeliefert, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Sie verharren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Diese spröden Bilder werden durch eine Installation in der Galerie Asian Fine Arts kontrastiert und doch auch unterschwellig ergänzt. Dort, in dieser anläßlich des Festivals "Theater der Welt" entstandenen Assemblage, werfen Malereien auf Plexiglas Schatten an die Wand, deren folkloristische Motive den Mythen verpflichtet zu sein scheinen. Sie bilden Rundpanoramen und wenn sie sich drehen, entsteht ein Laterna-Magica-Effekt.

Die Künstlerin will hinweisen auf die Schattenseiten einer eng ausgelegten Tradition, die sich heute unter der restriktiven Regierung über den Fortschritt legen. Dabei tut sie vermeintlich nichts weiter, als getreu die Figuren aus den alten Erzählungen aufzugreifen, unter denen sich aber neben allerlei Fabelwesen zwischen Mensch und Tier zum Beispiel auch ein lesbisches Liebespaar befindet. Eine so strikte moralische Unterscheidung zwischen Gut und Böse wie das Christentum kennt die indische Mythologie nicht. Sie beweist im heutigen gesellschaftlichen Leben erneut ihre Sprengkraft, nicht zuletzt durch Malanis künstlerischen Zugriff, den man wohl nur von hier aus fälschlich für harmlos und dekorativ halten kann.

The Fine Art Resource, Mommsenstraße 56, bis 31. August; Dienstag bis Freitag 14 - 19 Uhr; Asian Fine Arts, Sophienstraße 18, bis 17. Juli; Dienstag bis Sonnabend 12 - 19 Uhr.

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