Kultur : Die nächste Gründerwelle

Volle Buden: Für Galerien ist Berlin Anziehungspunkt Nummer eins

Ulrich Clewing

Berlin ist Anziehungspunkt Nummer eins für Künstler aus aller Welt. Hier sind Dinge möglich, die anderswo nicht funktionieren: niedrige Mieten, quirlige Szene, das Fluidum des Umbruchs. Das alles schafft eine Atmosphäre, in der Kreativität offenbar gut gedeiht. Und es weckt Sehnsüchte: Wenn etwa New Yorker an Berlin denken, dann fühlen sie sich an ihre eigene Vergangenheit erinnert, als Künstler im East Village noch Ateliers bezahlen konnten.

Der gute Nährboden Berlins für Künstler lässt aber auch Galerien sprießen. Klara Wallner etwa, lange als freie Ausstellungsmacherin und nebenbei Kunstkritikerin aktiv, hat im vergangenen Mai in der Brunnenstraße eine Galerie eröffnet. Sie hat den Schritt ebenso wenig bereut wie Jan Wentrup, der seit einem halben Jahr in der Choriner Straße ansässig ist. Wentrups Werdegang ist typisch für die jungen Neueinsteiger. Während des Studiums arbeitete er als Assistent bei Kasper Königs „Skulptur.Projekte“ in Münster, danach bei einer angesehenen Berliner Galerie. Mit Anfang Dreißig ist er nun selber Galerist. „Ich habe damit gerechnet, dass mein Einstand gut verlaufen würde“, so Wentrup, der junge Berliner Künstler wie Pablo Alonso, Axel Geis oder die US-Amerikanerin Jen Ray vertritt. „Doch dass es so gut klappen würde, das hätte ich nicht gedacht."

Allein im Jahr 2004 haben in Berlin ein rundes Dutzend neuer Galerien aufgemacht. Selbst wenn man den obligatorischen Berufsoptimismus abrechnet, ist die Bilanz der Betreiber erstaunlich positiv. Anette von Speßhardt, Inhaberin der Galerie Echolot, hat bei Vernissagen regelmäßig „die Bude voll“ und blickt auch sonst auf „ein ziemlich erfolgreiches halbes Jahr“ zurück. Von ihren zehn Künstlern kommen sieben aus Leipzig; nach dem Malerei-Boom Leipziger Provenienz klingt eine solche Einschätzung glaubwürdig. Ähnlich zeigt sich die Situation beim Düsseldorfer Jan Winkelmann, ehemals Kurator an der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig, der mit Katarina Löfström, Plamen Dejanoff, Stéphane Dafflon und Carsten Fock ein internationales Programm auf die Beine stellt. Früher hat er häufig gehört, dass sich „Berlin nur rentiert, wenn man an den großen Messen teilnimmt“. Das, so Winkelmann, „hat sich in meinem Fall zum Glück als falsch erwiesen“.

Der prominenteste Neuzugang, die Johnen Galerie aus Köln, präsentiert seit ein paar Monaten in einem eleganten gläsernen Pavillon in der Schillingstraße Installationen von Turner-Preisträger Martin Creed, Malerei von Janis Avotins oder zuletzt Fotos von Candida Höfer. „Für uns ist es bislang optimal gelaufen“, sagt Galerieleiter Markus Lüttgen. „Wir haben deutlich mehr internationale Besucher als in Köln.“ Und: Wurde die erste Ausstellung noch en bloc ins Rheinland verkauft, so hat Johnen inzwischen auch in Berlin kaufkräftige Interessenten gefunden.

Als einziger in der Runde schlägt Stefan Denninger verhaltenere Töne an; vielleicht ist er auch nur ehrlicher als andere. Mit seiner im August gegründeten Galerie in der Torstraße sei er „erwartungsgemäß noch nicht bei einer schwarzen Null“, doch die ist erst Ende des Jahres angepeilt. Denninger ist Quereinsteiger. Der Informatiker und Software-Unternehmer kannte die Kunst eher von der Käufer-Seite. Seit dem Verkauf seiner Firma ist der Sammler zum Händler geworden. Dabei verlässt er sich auf ein „Netzwerk von Künstlerempfehlungen“ und entdeckt so immer wieder Maler, wie zum Beispiel Mark Petzold. „Bei dem stand ich drei Minuten im Atelier, danach war alles klar.“

Was sonst eher zu den Risiken des Geschäfts gehört, erweist sich in allen diesen Fällen, von der Johnen Galerie abgesehen, als Vorteil. Denninger und Kollegen reüssieren mit unbekannten Künstlern, die oft gerade erst die Kunsthochschule verlassen haben. Das hilft, den enormen Hunger auf neue Kunst zu stillen, und hält gleichzeitig die Preise niedrig. Eben erst hat Jan Wentrup eine Videoarbeit von Wolfgang Oelze an die Hamburger Kunsthalle verkauft – für 2400 Euro. Als der Junggalerist im Januar Gemälde von Axel Geis präsentierte, war seine Ausstellung nach wenigen Tagen „fast ausverkauft“ – was wohl nicht zuletzt daran lag, dass Wentrup auf eine „arrogante Preisgestaltung“ verzichtete.

Bei Denninger kostet die Kunst zwischen 1000 und 5000 Euro, bei der Galeristin Alexandra Saheb kann man schon mal 15000 Euro anlegen. Doch dann ist auch bei ihr die Obergrenze erreicht. Saheb, die in der Linienstraße einen Schauraum besitzt, war zwei Jahre lang Projektleiterin im Büro Friedrich, bevor sie sich im September selbständig gemacht hat. Im Gegensatz zu Denninger beschränkt sie sich nicht auf Malerei, sondern hat von der „Fotografie über Video bis zur Seidenstickerei“ die ganze Bandbreite im Angebot. Eines jedoch haben alle Künstler der Galerie gemeinsam: Alle sind um die dreißig, im Alter der Galeristin.

Auch deshalb ist es für sie entscheidend, so bald wie möglich auf Messen präsent zu sein. Ihre Chancen stehen gut, immerhin wurde sie nur sechs Monate nach ihrem Start aufgefordert, sich bei der Liste Basel zu bewerben, und schaffte es auf Anhieb bis in die (begehrte) Warteschleife. Wentrup hat den Platz in Basel bereits fest, die Bewerbung für das Art Forum Berlin läuft. Heute ist nicht mehr davon die Rede, dass Messeteilnehmer wenigstens zwei Jahre Galerietätigkeit nachweisen müssen. Um derlei Hürden zu überwinden, sind die Jungen schlicht zu erfolgreich.

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