Kultur : Die Nagelprobe

Kunst für eine bessere Welt: die große Werkschau Günther Ueckers im Berliner Gropius-Bau

Nicola Kuhn

Damals, vor knapp vierzig Jahren, da war das „Terrororchester“ noch ein echter Skandal. Die Medien ereiferten sich, die Besucher hielten sich vor lauter Lärm die Ohren zu oder drehten sich gleich indigniert auf dem Absatz um in der feinen Baden-Badener Kunsthalle, wo Günther Ueckers Maschinenband zum bruitistischen Tanz aufspielte. Im Berliner Martin-Gropius-Bau sind die rund 20 Mitglieder dieses extravaganten Ensembles nun wiedervereint: der aufheulende Staubsauger, die lärmende Wäschetrommel, das gefährlich klappernde Duo Hammer und Sichel. In die Flucht schlagen sie mittlerweile niemanden mehr, vergeblich sucht der heutige Betrachter nach dem damaligen Provokationspotenzial. In der Retrospektive erweist sich das sichtlich angestaubte, sympathisch knarrende Inventar vielmehr als nostalgische Spielbudenschau. Dazu erklingt per Knopfdruck Al Martinos „Spanish Eyes“.

Auch Kunst hat ihr Verfallsdatum. Trotzdem beeindruckt der Furor, mit dem Günther Uecker damals auszog, die spießige bundesrepublikanische Gesellschaft zu reizen. Man muss ihn sich als zornigen jungen Mann vorstellen, der alles mit Nägeln überzog, was nach Muff und Bürgerlichkeit aussah: Frisiertisch, Nachtkonsole, Radio, Fernseher, Klavier. Aus dieser Zeit, den Sechzigern, stammt sein großer Traum einer besseren Welt, geläutert durch die Kunst. Uecker, der am kommenden Sonntag 75 Jahre alt wird, träumt ihn heute noch, allen Nachkriegserfahrungen im mecklenburgischen Wustrow, allen Katastrophen von Tschernobyl, allen Schlechtigkeiten internationaler Energieunternehmen zum Trotz. Die morgen beginnende Werkschau im Martin-Gropius-Bau, ausgerichtet vom Neuen Berliner Kunstverein, wird damit zum Rückblick auf 50 Jahre engagierten künstlerischen Schaffens, das immer wieder neue Wege des Ausdrucks gefunden, doch den hohen Ton der Belehrung nie verloren hat.

Ein Kreis schließt sich gleichzeitig mit der Runde durch die Ausstellungssäle im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus. Die tastenden Versuche des Düsseldorfer Kunststudenten, der nach seinem Studium an der Hochschule in Berlin-Weißensee und Wechsel in den Westen noch einmal von vorne und rigoros abstrakt begann, sind gar nicht so fern von den pompösen Inszenierungen der letzten Jahre. Uecker hat stets „arme“ Materialien benutzt, sie minimalistisch eingesetzt und bei aller Krachmacher- und martialischer Nagelei ausgesprochen meditative Werke geschaffen. Im Grunde ist er immer Maler geblieben, auch wenn der in die Leinwand getriebene Metallstift zu seinem Erkennungszeichen und er als Bildhauer an die Düsseldorfer Akademie berufen wurde. Der Künstler selbst kokettiert gern mit diesem Missverständnis: „Ich habe immer dasselbe gemacht, mal auf die weiche, mal auf die harte Art – wie alles im Leben“, äußert er sich in die hingehaltenen Mikrofone.

Vielleicht hat der Maler-Bildhauer gerade deshalb keine Scheu, in den Neunzigerjahren noch einmal exakt die gleichen Bilder zu produzieren, die er ein, zwei Jahrzehnte zuvor bereits geschaffen hat: Nagelbilder im zwei mal zwei Meter-Format, in denen sich die Nägel zu Wirbeln formieren und durch die unterschiedlichen Neigungswinkel das Licht in verschiedene Richtungen reflektieren. Im Grunde seines Herzens ist Uecker auch immer ein ZERO-Künstler geblieben – jene Gruppe formierte sich 1958, um einen Neuanfang in der Kunst zu deklarieren, einen Wiederbeginn bei Null. Längst hoch dekoriert, gefällt er sich bis heute in der Pose des Kunst-Handwerkers, zu dessen Erkennungszeichen neben Hammer und Nagel der Auftritt in Latzhose und Turnschuhen gehört. Doch wo der Kunstrevoluzzer noch die „Trennung zwischen Erhabenem und Banalem“ überwinden wollte, die Befreiung der Kunst von der „Exklusivität“, sucht der gereifte Uecker selbst die Überhöhung.

Die zahlreichen Bühnenbilder für die Oper seit den Siebzigern sind ihm zur Falle geworden. Seine Werke geraten in der Folge zu bombastischen Inszenierungen, denen allerdings tänzerische oder gesangliche Beigaben fehlen. Bei „Black Mesa“ (1985), einer auf vier Fichtenstämmen hochgeständerten riesigen Metallschale, die wiederum auf in den Boden gerammten Macheten fußen, beginnt man sich sogleich händeringende Darstellerinnen im Kreistanz durmherum vorzustellen. Gemeint ist allerdings eine Metapher ökologischer Ausbeutung, eine Anklage gegen die amerikanische Energiegesellschaft Western Supply and Transition Associates, die den Indianern heilige Begräbnisstätten streitig zu machen suchte. Im letzten Raum des Gropius-Baus geht Uecker auf das große Ganze, indem er die drei monotheistischen Weltreligionen symbolisch zu einen sucht. Auf riesige Leinentücher hat er die Friedensgebote aus Bibel, Thora, Koran in weißer Farbe niedergeschrieben und davor aus Holz und mit Leinen umwickelt jeweils einen Halbkreis, ein Rahmenwerk und eine Kreuzform platziert.

In solchen Momenten wünscht man sich den alten Uecker wieder her, der als Auftakt seiner Baden-Badener „Terrororchester“-Schau im Pyjama und mit einem riesigen Nagel bewaffnet das Museum stürmte. Oder man fährt weiter zum Neuen Berliner Kunstverein, wo als Werkschau-Dependance über 300 Aquarelle die Wände füllen. Nichts Besonderes, einfach Eindrücke in Farbe von den vielen Reisen, die der Künstler in den letzten Jahren unternahm: Wasserfälle aus der Schweiz, Wolkenformationen aus Westafrika, schwarz-rote Kreise, Quadrate, Striche auf russischem Zeitungspapier. Notate, nicht mehr und nicht weniger. Schlicht und ergreifend wie ein eingeschlagener Nagel.

Ab dem 16. April kommt eine weitere Station in der großen Halle des Mies van der Rohe-Baus hinzu, mit der Installation „Sandmühlen – Zeitspiralen“. Hier schlägt das Herz der großen Schau, so hat Dieter Honisch, der im Dezember gestorbene langjährige Direktor der Neuen Nationalgalerie, Wegbegleiter Ueckers und spiritus rector seiner Ausstellung, im Katalog formuliert. Maschinenbetriebene Gestänge, an denen geknotete Schnüre hängen, ziehen kreisförmig immer wieder neue Linien in den ausgeschütteten mecklenburgischen Sand. Sie zeichnen Spuren der Zeit und symbolisieren doch den Kreislauf des Ewiggleichen. Die einfache Form gewinnt hier unversehens Großartigkeit, ohne viel Worte und Bedeutungshuberei. Und ein Lebenswerk dreht sich auf Anfang.

Martin-Gropius-Bau, Neuer Berliner Kunstverein, bis 6.6.. Katalog 39,80 Euro.

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