Kultur : „Die Nase – paff, that’s it“

Sissel Tolaas aus Norwegen untersucht den Duft der Stadt und hat die Sprache „Nasolo“ erfunden

Nicola Kuhn

Eigentlich riecht Berlin gar nicht übel. Köstlich, belebend, sprudelnd frisch beschrieben die PR-Strategen der Kosmetikindustrie den Duft, den ihnen die Geruchskünstlerin Sissel Tolaas zur Begutachtung vor vier Jahren präsentierte. Und auch jetzt noch riecht ausgesprochen animierend, was die Norwegerin aus dem eigenwilligen Flacon mit den vier Düsen auf einen Papierstreifen sprüht. Doch Sissel Tolaas schüttelt den Kopf: Parfüms können altern; der von ihr kreierte Duft „NorthSouthEastWest“, der die vier Geruchsrichtungen der Hauptstadt vereint, hat längst nicht mehr den Pepp, den er bei der dritten Berlin-Biennale noch verbreitete.

Vermutlich würde sich ihr Odeur de Berlin heute anders zusammensetzen. Damals recherchierte sie gewissenhaft vor Ort: sprach mit den Bewohnern von Neukölln, Charlottenburg, Reinickendorf und Mitte, wollte wissen, was die Menschen olfaktorisch mit ihrem Kiez verbindet. Das Ergebnis war zwar klischeebeladen – in Neukölln riecht es nach Kebab, in Charlottenburg nach feiner Seife und Geld, in Reinickendorf liegt McDonald’s und Sonnenmilch in der Luft, durch die vielen Sonnenstudios, während es in Mitte nach Coffee-Shops und Schuhgeschäften duftet. Kombiniert sind diese Noten höchst verführerisch – nach wie vor. Anlässlich der Berlinale versetzte die Zeitschrift „Manipulator“ eine Seite ihrer Februarausgabe mit dem Mitte-Duft – das Aroma verbreitete sich auf dem gedruckten Papier.

Mit einem Headspace genannten Gerät nimmt die Künstlerin per Vakuumverfahren die Duftaggregate der unterschiedlichsten Gegenstände auf. Im nächsten Schritt zerlegt sie diese am Computer in ihre Moleküle und baut sie dann chemisch nach. Das Schöneberger Atelier der Norwegerin mit der feinen Nase sieht deshalb eher nach einem Labor aus. Hier stehen neben dem Computer und der Waage mit den Pipetten schwere Metallregale, in denen Hunderte Fläschchen stehen, in denen die verschiedenen Substanzen versiegelt sind. Die Frau aus dem hohen Norden, die in Stavanger als älteste von sechs Schwestern zur Welt kam und von daher ihr Durchsetzungsvermögen erhielt, wie sie selbst erklärt, sammelt seit Anfang der neunziger Jahre Gerüche; 6730 hat sie seitdem archiviert. Sie bilden die Basis ihrer künstlerischen und zugleich wissenschaftlichen Betätigung.

Längst ist die Industrie auf diese Querdenkerin aufmerksam geworden; das New Yorker Unternehmen International Fragrances and Flavour hat ihr vor vier Jahren das Labor bereitgestellt und zwei Parfümeure, Les Christophs, als Assistenten zugeteilt. Gerade ist die Vielreisende mit Lehrauftrag für Unsichtbare Kommunikation und Rhetorik an der Faculty of Research der Harvard Business School aus Rotterdam von einem Workshop beim Architekten Rem Kohlhaas heimgekehrt. Dort hat sie über die Bedeutung des Geruchssinns für unsere Stadtwahrnehmung referiert und einige Teilnehmer mit einer Ladung Männerschweiß heftig irritiert. Auf dem Sofa ihrer Wohnung liegen vom letzten Trip noch Turnschuhe und Lederbälle eines Sportartikelherstellers, der von ihr gerne das richtige Branding für die Nasen seiner Käufer hätte. Ob nur für die Verpackung oder das Material selbst, ist noch nicht geklärt. Auch Kunden wie das Swissotel lassen sich aus Sissel Tolaas’ Duftküche bedienen. Die Hotelkette wünschte sich für ihre Lobbys in aller Welt eine olfaktorische Corporate Identity. Sie ist nun fein, minimalistisch, kühl, modern geraten, so wie die Schweizer sich selbst zu sehen wünschen – plus ein wenig roter Pfeffer. Auf der Berliner ITB präsentieren sie sich damit am 5. und 6. März.

Der Weg zu ihrem ungewöhnlichen Beruf als Geruchsexpertin und Duftkünstlerin verlief ähnlich überraschend wie die Kombination der Ingredienzien ihrer Parfüms. Ende 1987 kam die Norwegerin, die zuvor in Warschau und Petersburg Linguistik und in Oslo an der Kunstakademie studierte, auf Einladung des Daad nach Berlin. Ein Chemie- und Mathematikstudium schloss sich später an. In den Achtzigern beschäftigte sich die Konzeptkünstlerin noch mit dem Wetter, produzierte künstlich Sonnenschein mit Gewitter und stieß dabei auf das Thema Unsichtbarkeit, die Moleküle, den Geruch. „Die Nase – paff, that’s it“, erinnert sich die temperamentvolle Künstlerin in ihrem charmanten Denglisch – mit norwegischem Akzent – an die Entdeckung ihres Arbeitsgebietes.

Dann beginnt die 46-Jährige eine Suada, die sich gewaschen hat: Von den westlichen Intellektuellen werde das Geruchsorgan bis heute komplett ignoriert; damit verbinde sich für sie zu viel Emotionales, Mystisches. Sissel Tolaas will das nicht begreifen. Schließlich können wir ohne Luft nicht leben; 23 073 Mal atmet der Mensch täglich ein und aus. Mit jedem Atemzug bewege er Unmengen von Molekülen in seinen Körper hinein, nicht einfach nur neutrale Luft. Überhaupt schenke unsere westliche Gesellschaft dem Geruch viel zu wenig Beachtung; wir unterscheiden nur in gut und schlecht. Andere Kulturen wie etwa die Indianer Mittelamerikas besitzen dagegen einen umfangreichen Wortschatz zur Beschreibung. Die Inuit begrüßen sich gar mit gegenseitigem Nasenreiben. Sissel Tolaas will dem Geruchssinn auch bei uns wieder zu seinem Recht verhelfen und entwickelt deshalb zusammen mit Linguisten die neue Sprache Nasolo, bei der bestimmte Begriffe in eine olfaktorische Terminologie übertragen werden. Die liebsten Helfer sind ihr Kinder – allen voran die zehnjährige Tochter Tara –, denn sie riechen noch vorurteilsfrei.

Die Duftexpertin ist gleichzeitig Vorkämpferin für den eigenen Körpergeruch, denn er schafft die größten gesellschaftlichen Barrieren, die sie überwinden helfen will. Konfektionierte Profumi der Saison sind ihr ein Graus, wenn über allen die gleiche Duftnote schwebt. Zur Rückbesinnung auf die individuellen Ausdünstungen wendet die Künstlerin durchaus drastische Maßnahmen an. Bei ihrer jüngsten Installation, die bei der Gwangju-Biennale und in New York zu sehen war und anlässlich der Olympiade auch in Beijing gezeigt werden soll, arbeitet sie mit dem Angstschweiß männlicher Probanden, die unter Phobien leiden. Für dieses Projekt bestrich Sissel Tolaas mit den verkapselten Molekülen die Galeriewände. Das gleiche Prinzip hatte sie auch schon bei der „Berlin- North“-Ausstellung im Hamburger Bahnhof mit Geldgeruch angewandt. Das Publikum reagierte auf den animalischen Gestank phänomenal: Während die einen von den Schweißgerüchen abgestoßen waren, ja die Wand mit Füßen und Fäusten attackierten, fühlten sich die anderen animiert. Eine Besucherin kehrte täglich wieder und küsste mit immer neuen Lippenstiften die Dufttapete.

Neutral zu bleiben, ist bei Sissel Tolaas’ Kunst unmöglich. Denn gegen Gerüche kann sich niemand wehren. Das erfuhr die Künstlerin am eigenen Leib. Für einen Empfang in der Deutschen Oper kleidete sie sich piekfein, als Parfüm aber hatte sie Männerschweiß aufgelegt. Während die Damen irritiert von ihr Abstand nahmen, waren die Herren geradezu fasziniert. Die Künstlerin war Gespräch des Abends. Bei der Erinnerung daran lacht sie noch immer amüsiert. Wenn Sissel Tolaas heute ausgeht, dann trägt sie als Duft den eigenen Körpergeruch, nur dupliziert. Denn den liebt sie.

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