Kultur : Die Nase

Zum 95. Geburtstag des Berliner Kunsthändlers Rudolf Springer

Heinz Ohff

Rudolf Springer ist ein Stück gelebte Berliner Kunstgeschichte. Ein halbes Jahrhundert hindurch hat er jenen Wiederanfang verkörpert, den man der zerstörten Stadt kaum noch zugetraut hätte. Mehr als das: Er bewahrte sich den Mut, das Unmögliche zu wagen. Dabei war ihm so etwas kaum an der Wiege gesungen worden. 1909 geboren, „natürlich in Berlin“, wie er zu sagen pflegt, machte er im holsteinischen Plön das Abitur. Obwohl Spross des wissenschaftlichen Springer-Verlags, ging er in eine kaufmännische Lehre, um dann als Versicherungsvertreter zu arbeiten – das Dritte Reich bot ihm keine anderen Möglichkeit. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er als Soldat und überstand ihn.

Gerd Rosen, der nach dem Krieg die erste Galerie am Kurfürstendamm eröffnete, machte Springer 1947 zu seinem Geschäftsführer. Am 8. Dezember 1948 eröffnete er seine eigene Galerie. Es war typisch für Springer, dass er sie mit einer Ausstellung seines Nachfolgers bei Rosen, Hans Uhlmann, eröffnete. Denn: „Konkurrenz unter den Kunstgalerien gibt es nicht“, lautet seine Maxime.

Als er mit seinem florierenden Kunsthandel an den Kurfürstendamm zog, war er schon ein viel gefragter Sachverständiger. Dabei traute er weder den Kunstgelehrten noch dem Publikumsgeschmack, sondern nur dem eigenen liberalen Urteil. Springer besitzt jene Begabung, die Will Grohmann, einer der großen Kritiker seiner Zeit, „Nase“ nannte. Gemeint war ein siebter Sinn für Qualität, der beinahe unfehlbar, aber nicht erklärbar sein dürfte.

Springers Galerie, die heute von seinem Sohn zusammen mit einem Partner geführt wird, hatte niemals ein „Programm“ – was übrigens die Stärke ihrer Wirkung auf das Publikum ausmachte. Man sah Abstraktes und Gegenständliches, Naives und Intellektuelles, Fotografisches und Neo-Expressionistisches – ein faszinierendes Potpourri, das niemals eine Einheit bildete. Dass das wahre Kunstleben aus einem Mosaik besteht, hat keiner besser zu zeigen gewusst und gewagt als er, der nach wie vor als „Kunsthdl.“, Kunsthändler, im Telefonbuch steht. Nicht ohne Grund, denn tatsächlich realisiert er bis heute Ausstellungen in seinen Wohnräumen.

Dabei denkt Springer wie ein Künstler, nicht wie ein Kunsthistoriker und schon gar nicht wie ein Händler. Die Berliner Kunstszene wurde von ihm erweitert wie von keinem anderen Galeristen seiner Zeit. Max Ernst, Karl Hartung, Bernhard Heiliger, Heinz Trökes, André Masson, Hermann Bachmann, Hans Bellmer, Gerhard Altenbourg. Die Liste der Künstler, mit denen er Ausstellungen realisierte, ließe sich noch lange fortsetzen. Nicht selten geschah es, dass sich auch die Künstler plötzlich füreinander interessierten. Als der Schriftsteller Henry Miller bei ihm seine Aquarelle ausstellte, traf er auf den italienischen Bildhauer Marino Marini. Das Porträt von Miller gehört zu den besten seiner Bildnisskulpturen. Es wäre ohne Springer kaum entstanden. Ohne Rudolf Springer, der morgen seinen 95. Geburtstag feiert, wäre auch Berlin nie eine derart lebendige Kunststadt geworden, das ist gewiss.

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