Kultur : Die nationale Fälschung

JAN GYMPEL

"Haben Sie schon die restaurierten Dürer-Tafeln gesehen?", spricht uns ein Bekannter in München an.Eigentlich hätte er von den wiederhergestellten Bildern, die durch einen Säureanschlag beschädigt waren, nicht begeistert sein dürfen; er hätte dagegen protestieren müssen, daß man die Bilder in einen Zustand vorgeblicher Unversehrtheit zurückversetzt und damit die Erinnerung an das Böse in der Welt getilgt hat.Jedenfalls wenn er die Glaubensgrundsätze seiner Profession als Denkmalpfleger auf die Bildende Kunst angewandt hätte.Denn im Umgang mit historischen Bauten hat sich das Dogma durchgesetzt, diese nicht in erster Linie als Kunstwerke, sondern als Zeitdokumente zu betrachten.Jedem ausgebombten Seitenflügel, jedem Notdach aus der Nachkriegszeit kommt so der Wert eines kostbaren Geschichtszeugnisses zu.Wie das Bauwerk nach Sicherung der Zeitspuren aussieht, ist nebensächlich.Und Wiederaufbauen ist erst recht verboten.Insofern ist der Kölner Dom, dessen Grundstein heute vor 750 Jahren gelegt wurde, eine monströse Scheußlichkeit.Denn die weltbekannte gotische Kathedrale, welche wir heute bewundern, stammt in ihrer Substanz ja aus dem 19.Jahrhundert.Nur der Umstand, daß die damals vorgenommene Komplettierung schon wieder historisch ist, kann davon abbringen, den Abriß von Türmen, Lang- und Querhaus zu fordern: im Sinne vieler Denkmalpfleger sind sie eine "Fälschung".

Natürlich geht es beim Bauen immer auch um Politik und Prestige, auch vor einem dreiviertel Jahrtausend.Notwendig wurde der Neubau des Doms durch einen Beutezug: Kurz vor seinem Tode, 1164, hatte Erzbischof Rainald von Dassel die - angeblichen - Gebeine der Heiligen Drei Könige aus dem von Kaiser Barbarossa eroberten Mailand nach Köln gebracht."Highlights" für das reliquienversessene Mittelalter! Die Erwerbung brachte einen weiteren Bedeutungszuwachs für die Stadt am Rhein mit sich, welche bereits die größte im deutschen Sprachraum war.Den Pilgeransturm konnte die alte Kathedrale kaum noch verkraften, doch den letzten Ausschlag für den den Neubau gab die Vollendung von Sainte Chapelle in Paris, der französischen Krönungskirche.In Köln, wo mit dem mächtigen Erzbischof Konrad von Hochstaden der deutsche Königsmacher residierte, wollte man auch einen dieser neumodischen, schwerelos wirkenden Lichtschreine haben - natürlich größer als in Paris.Zudem war die Romanik nicht nur eine schwere, erdverbunden wirkende Architektur gewesen, sie war auch zur Baukunst des "alten" deutschen Kaisertums geworden.Dieses Kaisertum lag 1248 in den letzten Zügen.Die Kölner Kathedralgotik stand dagegen für die wiedergewonnene Dominanz der Kirche.

Veränderte Vorlieben und Machtverhältnisse waren wohl auch, viel stärker als der Geldmangel, dafür verantwortlich, daß die Bauarbeiten 1560 zum Erliegen kamen: Mit der Renaissance hatte Italien seine kulturelle Führungsrolle zurückerlangt, dort nannte man den Stil des Kölner Doms verächtlich "gotisch", nach den Plünderern Roms.Gotik war nicht mehr "in".Daß sie zu Beginn des 19.Jahrhunderts wieder in Mode kam, war einem kunsthistorischen Irrtum zu verdanken: Damals hielt man sie für einen "besonders deutschen" Architekturstil.Die urdeutsche Geistesbewegung der Romantik schwärmte von ihr, mit dem Mittelalter verband man die Vorstellung eines geeinten, mächtigen Nationalstaates.Schinkel plante einen gotischen Dom als Denkmal für die Befreiungskriege (davon blieb nur das bescheidene, gotisierende auf dem Berliner Kreuzberg) - warum stattdessen nicht den Kölner Dom fertigstellen? Zumal sein fragmentarischer Zustand als Sinnbild für die Zerrissenheit Deutschlands dienen konnte.

Freilich hatten jene, die die Komplettierung des Kölner Doms seit dem frühen 19.Jahrhundert betrieben, meist einen liberalen Verfassungsstaat als Ziel; weshalb die Sache nach 1815 nicht mehr recht vorankam.Erst mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV.erhielt sie eine Chance.In dessen etwas spinnerten Gedankenwelt mit Träumereien vom Mittelalter, Gottesgnadentum und der Befriedung der frühindustriellen Gesellschaft durch Frömmigkeit, paßte der Dom vorzüglich.Außerdem eignete er sich als Reverenz Preußens an die erst unlängst erworbene, störrische Rheinprovinz, sowie als Bekundung des preußischen Führungsanspruchs in Deutschland.Nachdem der König am 4.September 1842 den Grundstein für den Weiterbau gelegt hatte, avancierte die Kathedrale tatsächlich zu dem erwünschten nationalen Werk, finanziert aus vielen Spenden, von einfachen Leuten bis zu regierenden Fürsten.Erst später realisierte man, daß die Gotik beim französischen "Erbfeind" ihren Ursprung und Höhepunkt gehabt hatte.

Auch andernorts komplettierte man die gotischen Kirchen, dachte darüber nach, Notre-Dame de Paris doch noch die fehlenden Turmhelme aufzusetzen, und der 1840 begonnene Neubau des Londoner Parlaments befleißigte sich gotischer Formen.War dieser neue Westminster Palace der Gründungsbau des Historismus, so kann die Wiederaufnahme der Bauarbeiten am Kölner Dom durchaus als Wetterleuchten dieses Stils gesehen werden, der sich im Nachäffen und schließlich immer waghalsigeren Vermischen vergangener Stile erging.Baustopp wie -wiederbeginn in Köln lagen also im Geiste ihrer jeweiligen Zeit: deshalb taugt der Dom kaum als hehres Beispiel für ästhetische Konstanz jenseits der heute immer schneller wechselnden Architekturmoden.Auch mit dem Lob des langen historischen Atems ist das so eine Sache: Als vor 350 Jahren endlich der Westfälische Frieden geschlossen wurde, hatten die Verhandlungen unter anderem so lange gedauert, weil ein Brief von Münster / Osnabrück nach Madrid vier Wochen benötigte; die Antwort noch einmal so lang.Kein Wunder, daß auch Stile und Moden heute schneller wechseln.Die Renaissance brauchte mehr als hundert Jahre, um die Alpen zu überwinden.

Die Lektion des Kölner Doms und seiner späten Komplettierung lehren etwas anderes: Wenn es um Architektur und Städtebau geht, sollte man weniger mit Moral argumentieren, als sich von Ästhetik leiten lassen.1842 standen vom Kölner Dom nur der bereits 1322 geweihte Chor, der Nordturm maß von seinen heute 157 Metern nur 22, der Südturm, auf dem noch bis 1869 der hölzerne Baukran in den Himmel ragte, ein Wunderwerk mittelalterlicher Ingenieurkunst, 58 Meter.Zwischen den Turmstümpfen und dem Chor klaffte eine riesige Lücke.Auch der Umstand, daß der Weiterbau nach alten Plänen stattfand, kann den Vorwurf nicht entkräften, daß es sich dabei um Schummelei, um eine Sünde an dem historischen Dokument Domfragment handelte, das doch ein Beispiel dafür war, wie häufig man sich im Mittelalter mit der kollektiven Aufgabe eines riesigen Dombaus übernommen hatte.Denn natürlich mußte man frei nach- und hinzuerfinden; der heutige Dom stellt ein Amalgam aus authentischer Hochgotik und Neogotik dar.

Aber niemand beklagt, daß der Kölner Dom, 1880 endlich fertiggestellt, nicht jene Bauruine geblieben ist, die er fast 300 Jahre lang war.Man bewundert die stringente Gestaltung, den einheitlichen Raumeindruck; viele sind sich der "Fälschung" nicht bewußt.Und mit der "Domplombe" aus einfachem Mauerwerk, mit dem man 1943 ein Bombenloch in der Fassade des Nordturms geflickt hatte, wird nun auch der letzte deutliche Kriegsschaden getilgt.Würde der Kunstwert eines Bauwerks noch heute höher bemessen als die moralischen Argumente, würde man sich also - wie beim Weiterbau des Kölner Doms - vor allem für die Ästhetik interessieren, dann wäre es auch keine Frage, was mit der Keimzelle Berlins geschehen müßte: Ein Nachbau des Stadtschlosses würde schon deshalb als zwingend erscheinen, weil die noch vorhandenen Gebäude, Platz- und Straßenräume auf den verschwundenen Riesenbau bezogen sind, nur mit ihm ins rechte Lot gebracht werden.Wer dies nicht will, möge sich auch am Kölner Dom nicht begeistern, sondern konsequent beklagen, daß dessen Bauruine nicht überdauerte oder daß sie nicht wenigstens, statt sie stilgerecht zu komplettieren, "im zeitgenössischen Stil" vollendet wurde.Was dann vielleicht so aussähe wie der umgestülpte Eierbecher auf dem Reichstag.

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