Kultur : Die NBGK zeigt die Ausstellung "High Density"

Frank Peter Jäger

Mit jedem Schritt wächst die Dunkelheit, bis man am Ende eine Haut aus Filz durchstößt und in absolute Finsternis tritt, wo eine vielstimmige Geräuschkulisse zu einer infernalischen Kakophonie anschwillt, unterlegt von dumpfem Grollen. Diese "Musik" kommt aus Singapur, Wien und New York, eigentlich aber aus einem Kreuzberger Hinterhof. Der österreichische Künstler "sha. TM" alias Andreas Rodler machte das Internet zum Musikinstrument: Die in einem Hinterhof aufgenommenen Geräusche werden via Netz an Server in verschiedenen Orten auf dem Globus geschickt und von dort zeitverzögert zurückgesendet - so entsteht die fremdartige Klangcollage.

Sie erfüllt die aktuelle Ausstellung in der Kreuzberger Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst: Die als Labyrinth gestaltete, begehbare Installation mit dem Titel "High Density" hat die Verdichtung von Räumen zum Thema. Im Mittelpunkt steht das Spannungsverhältnis zwischen den realen Räumen der Städte sowie den virtuellen Netzen und von Computern simulierten Räumen. Neben Andreas Rodler wirkten an der Installation der Brite Justin Bennett und der Künstler "Oval" mit, bürgerlich Markus Popp. Auch sie arbeiten mit digital bearbeiteten und verfremdeten Alltagsgeräuschen. Die Raumabfolge des Ausstellungslabyrinths schufen die Architekten vom Berliner "Büro 213", indem sie einen Mikrochip-Bauplan und den Grundriss einer italienischen Idealstadt der Renaissance vom Computer "zusammenrechnen" ließen. Die Wandungen bestehen vollständig aus extra starker Pappe. Am Ende des medialen Irrgartens steht man vor dem von "sha. TM" akustisch gestalteten Raum, aus dem die Internet-gesampelten Klänge des Berliner Hinterhofs dringen. Der Ort bezieht seinen Effekt aus dem Gegensatz von völliger Dunkelheit und intensiver Geräuschkulisse städtischer Zivilisation. Diese irritierende Koppelung scheint eher ein Abfallprodukt von Rodlers Inszenierung, ging es ihm doch darum, seine durch das Internet erzeugte Musik möglichst nachhaltig in Szene zu setzen. Die Frage nach der eigentlichen Absicht der Künstler beschleicht den Betrachter nicht nur an dieser Stelle: In einem Raum kann man mit Hilfe eines computergestützten Zeichenprogramms "virtuell" durch den Ausstellungsparcours kreuzen, ein Fernseher zeigt Interview-Aufzeichnungen mit Raumfahrt- und Computerexperten zur Zukunft der physischen und virtuellen Räume. In zwei mit Pappkonsolen und Papphockern ausgestatteten "Archiven", kleinen Studierzellen, kann man sich in Literatur zum Thema vertiefen - von einem Stadtentwurf des Leonardo da Vinci bis hin zu Werken des Computerpioniers Konrad Zuse. Man fragt sich, ob diese didaktischen Stationen als Ironisierung aufzufassen sind oder ob die Künstler ihr Ensemble tatsächlich als eine Studienausstellung verstehen. Doch wirken diese didaktischen Elemente willkürlich aufgesetzt. Die NGBK entlässt ihre Besucher diesmal - ratlos.Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Oranienstraße 25, bis 17. Oktober. Katalog 20 Mark.

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