Kultur : Die Need Company mit "Morning Song" im Berliner Hebbel Theater

Sandra Luzina

Theater muss wie Kochen sein. Alles absichtvoll-angestrengt Kunstvolle ist dem Regisseur Jan Lauwers verhasst, und so versammelt er in "Morning Song" seine getreuen Akteure, ergänzt um einige neue Gesichter, in einer Küche. Das Spiel wird zu einem Akt der Geselligkeit. Die Schauspieler plaudern, singen und streiten, sie küssen und kitzeln sich, nebenbei wird auf der Bühne des Hebbel-Theaters ein Drei-Gänge-Menue zubereitet. In all diesen Küchendünsten steigt schon mal ein philosophischer Extrakt empor. Die "Snakesong-Trilogie" des Bataille-Anhängers Lauwers kreiste um die Dreifaltigkeit Eros, Gewalt und Tod. "Morning Song" steht nun wie sein bei der Documenta X in Kassel gezeigter Vorläufer "Caligula" unter dem Motto: "No beauty for me there, where human life is rare".

In dem als Familienburleske getarnten Stück dreht sich alles ums Essen und Sterben, um Liebe und Krieg. In schöner Beiläufigkeit hebt das Stück an, die Dialoge scheinen dem Nachbartisch im Lieblingsrestaurant abgelauscht. Strahlender Mittelpunkt der schrecklich netten Familie ist die Matriarchin mit dem pompösen Namen Liliane Grandiflora, die wunderbare Viviane De Muynck stattet sie mit dem koketten Hüftschwung der reifen Liz Taylor aus. Der Ex-Gatte tapst in zotteligem Bärenfell über die Bühne, während die nymphomanische Tochter ihre Killer-Spitzenschuhe klacken lässt. Zur merkwürdigen Sippschaft gesellen sich noch der Berufsrevolutionär und Frauenheld Harry, der Koch und sein Liebhaber, ein chinesischer Taxifahrer sowie Uschi, auch Sushi genannt. Bruchstückhaft werden abenteurlich-absonderliche Biographien erzählt.

Charakteristisch für die Need Company ist der transparente Wechsel von Spiel und Realität. Da diese Bühnenfiguren kaum Fleisch haben, wird deren Ableben rasch erzählerisch vollstreckt, nicht ohne in abstrusen Todesarten zu schwelgen. Der Tanz nimmt diesmal auffallend viel Raum ein, für die Choreographie zeichnet neben Jan Lauwers Carlotta Sagna verantwortlich. Die zitternden Körper erzählen von scheuer Verletzlichkeit und träumerischer Versunkenkeit. Im Tanz scheint eine fast schon schmerzvolle Innerlichkeit auf, die der Sprache längst ausgetrieben wurde. "Morning Song" stellt eine heitere Abgeklärtheit aus. Alle menschlichen Leiden und historischen Katastrophen schrumpfen auf Küchenformat. Da mag schon mal die Mikrowelle explodieren.Hebbel-Theater, bis 19. 9., jeweils 20 Uhr.

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