Die Nerven-Frontmann mit Soloprojekt : Pathos und Pose

Max Rieger bringt sein bejubeltes Solodebüt als All Diese Gewalt ins Lido. Es ist ein Neustart ins Ungewisse.

Frederic Jage-Bowler
Betrachtet die Leere. Max Rieger ist All Diese Gewalt.
Betrachtet die Leere. Max Rieger ist All Diese Gewalt.Foto: Max Zerrahn

Rockmusik ist Livemusik. Da ist es eine besondere Herausforderung, komplexe Alben wie All Diese Gewalts „Welt in Klammern“ auf die Bühne zu bringen. Keyboards, Glocken, Gitarren, Gesprächsfetzen, Gesangsspuren – ein dunkles New-Wave-Meisterwerk. Die Live-Inkarnation des Soloprojekts von Max Rieger, Frontmann der Stuttgarter Punkband Die Nerven, bringt es ins Lido.

Der Saal ist halb voll, der Blick frei auf Max Rieger, den rückseitig angestrahlten Fluchtpunkt des Raums. Unfassbar sexy sieht er aus: schwankend, singend, rauchend, schreiend, barfüßig vor samtenen Vorhängen, das Hemd halb geöffnet. Seine Texte handeln von Träumen als Fallen und von Gedanken verdrängenden Gedanken. In Riegers Präsenz vereinen sich, im denkbar besten Sinne, Pathos und Pose.

Statt wie im Studio Minimalismus und den Sog der Wiederholung zu setzen, interpretiert seine Band an Gitarre, Schlagzeug und Bass das Album betont rockig. Nach einem kurzen Keyboard-Intro wird der Einstieg vermasselt. Egal, denn der Eröffnungssong „Wie es geht“ gehört sowieso zum Langweiligsten im Repertoire. Es folgen zehn wunderbare Stücke zwischen Wave und Noise, stets getragen von Riegers pointenloser, sich selbst entfremdeter Lyrik.

Der subtile Einsatz von Gitarrenfeedback lässt die hundertfachen Tonspuren des Albums fast in Vergessenheit geraten. Die rockistische Totalexplosion bleibt aus, Exzess und Entspannung halten einander die Waage. Am kontrolliertesten agiert Drummer Jannis Petterson, der zwischen den Zugaben sein Jackett ordentlich auf einem Verstärker drapiert. In solchen performativen Gesten zeigt sich der Kontrast zur jungen Wildheit Der Nerven, deren Schlagzeuger sich für Zugaben auch mal komplett seiner Kleidung entledigt. Start- und Endpunkt aber bleibt Rieger, der gerne behauptet, er verabscheue den Stillstand. Wo Die Nerven aber noch die Flucht vor der Langeweile zelebrierten, deutet All Diese Gewalt direkt auf die ewig lauernde Leere. Rieger kontempliert über diese Leere und findet dabei zu einer widersprüchlicheren Form von Bewegung: einem Taumeln nach vorn.

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