Kultur : Die netten Jahre sind vorbei

Brisante Themen, politische Stoffe: Die First-Steps-Nachwuchspreisträger sind erwachsen geworden

Christiane Peitz

Eine Mädchengang im Plattenbau- Ghetto. Sie sind nicht verwahrlost, nur unruhig. Hübsche junge Frauen, gern tragen sie Weiß, eine ist Arzthelferin. Und manchmal schlagen sie zu, einfach so, in der S-Bahn, im Revier. „Prinzessin“ heißt der dffb-Film von Birgit Grosskopf, die am Dienstag im Berliner Musical-Palast am Potsdamer Platz den First-Steps-Preis für einen abendfüllenden Spielfilm gewann. Ein Film, sagt Juror Burghart Klaußner, der gegenwartsnah sei und entrückt zugleich – „eine Eiszeit“.

Es gibt viele Eiszeit-Stücke in diesem Jahrgang: Geschichten über Kinderhandel und illegale Migranten, still zerrüttete Familien, Verzweiflung, Krankheit, Tod. Ja, es wird viel gestorben. In „Wiedling“ von Christian Mertens erschießt ein Polizist aus Versehen einen jugendlichen Tankstellenräuber und muss sich der Schuldfrage stellen. In „Pingpong“ von Matthias Luthard (beide HFF Babelsberg) erweist sich der Mikrokosmos einer vermeintlich glücklichen Familie als Albtraumstätte. In Michael Drehers preisgekröntem Kurzfilm „Fair Trade“ (HFF München) überquert eine junge Frau die Straße von Gibraltar, um sich ein „Dritte Welt“-Kind zu kaufen. In Bastian Günthers ausgezeichnetem „Ende einer Strecke“ (dffb) entfremden sich zwei Paare auf immer. Und in „The End of the Neubacher Project“ (Filmakademie Wien) recherchiert Marcus Carney die eigene Familiengeschichte und spürt deren traumatische Verstrickung in den Nationalsozialismus auf. Der Film zur Grass-Debatte: ein Versuch über das Schweigen, über die Unfähigkeit zu trauern. Er siegte in der Kategorie Dokumentarfilm.

Regie-Nachwuchs betreibt gewöhnlich Nabelschau, erzählt von erster Liebe und Identitätssuche. Aber dieser deutschsprachige Jahrgang übersteigt den eigenen Erfahrungshorizont, wagt sich an brisante soziale Themen, erkundet die Innenwelt der Außenwelt. Nicht sich selbst wollen die Filmemacher besser verstehen, sondern den globalisierten Rest der Welt, ihre Komplexität, ihre Historien, ihre Ungerechtigkeiten. Und sie hätten bei der Preisverleihung an die kurzen, mittleren und langen Spielfilme, an Dokumentationen und Werbespots etwas mehr Würde, etwas mehr Ernsthaftigkeit verdient als die alles veralbernde Moderation des Fernseh-Comedian Bernhard Hoecker.

Der seit dem Jahr 2000 existierende, ohne Subventionen von Nico Hoffmans Teamworx, Stefan Austs „Spiegel-TV“, Sat 1 und Mercedes-Benz initiierte Nachwuchspreis ist längst ein unverzichtbares Förderinstrument für junge Filmemacher geworden. Auf 72 000 Euro belaufen sich die Preisgelder, ebenso kostbar ist der Aufmerksamkeitseffekt – und die Gala als Gelegenheit auch für den leer ausgegangen Nachwuchs, Produzenten, TV-Redakteure und Verleiher zu kontaktieren.

Zum Beispiel der als Dokumentarfilm nominierte 37-Minüter „Kopfende Haßloch“, ein Stillleben über die deutsche Normalität. Zoo mal so: Die demografische Mischung des Pfälzer Orts entspricht exakt dem gesamtdeutschen Durchschnitt. Deshalb werden die Bewohner rund um die Uhr erforscht, für Produkte und Werbung getestet. Jede Einstellung eine Installation: ein Gegenwarts-Science Fiction mit dem gespenstischen Irrwitz der „Truman Show“.

Auch Gereon Wetzels Dokumentation „Castells“ ist ein Verleiher zu wünschen. Er berichtet von einem alten katalanischen Volkssport, dem Bauen von Menschentürmen. Ganze Dörfer und Familienclans treten zu den Wettkämpfen an, die Väter unten, die kleinen Töchter acht, neun Menschenetagen weiter oben. Ein kluger, berührender, hochspannender Einblick in eine fremde Welt. Nichts ist folkloristisch daran. Denn es geht darum, wie Vertrauen, wie eine Gemeinschaft, wie Gesellschaft entsteht. Und schön sind sie auch noch, diese Alterspyramiden.

Dass die Berliner dffb gleich zwei der fünf Preise davontrug, ist übrigens ein schönes Geschenk. Nächsten Monat feiert die Hochschule ihren 40. Geburtstag.

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