Kultur : Die Netzwerker

Bei der Künstlergalerie Sparwasser ist der Verkauf Nebensache

Claudia Wahjudi

Wer am 3. April an der Kasse des Museums Hamburger Bahnhof sagt, dass er zur Künstlerinitiative Sparwasser in der Ausstellung „Berlin North“ möchte, muss keinen Eintritt zahlen. Stattdessen sollen die Gäste des „diskursiven Picknicks“, das die Berliner Gruppe Unwetter im Sparwasser-Saal veranstaltet, Speisen mitbringen, aus denen dann eine Mahlzeit für alle wird. „Cooking Pot Market“ nennen Wirtschaftstheoretiker diese Art der Tauschökonomie. Die jungen Künstler, Kuratoren und Theoretiker von Unwetter bringen außerdem Texte und Alltagsgegenstände mit, die Diskussionen über Kunst und Globalisierung anregen sollen.

Gastgeber ist „Sparwasser Headquarters“, ein Projektraum für Ausstellungen und Künstlervorträge in der Berliner Torstraße, der sich auch „Offensive für zeitgenössische Kunst und Kommunikation“ nennt. „Es ist nicht interessant, über Kunst zu denken, sondern durch Kunst zu denken“, heißt es im „Kleinen Manifest“ der Initiative: Kunst gilt hier als eine Methode, die Welt zu begreifen.

Als Gast in der Ausstellung „Berlin-North“ probieren die Initiatoren von Sparwasser nun aus, ob der Kodex eines Projektraums auch im Museum gelten kann. Die Künstler zeigen ihre Arbeiten in einem Saal, in dem ein großes Podest mit Kissen zum Verweilen einlädt – anders ließe sich die Fülle der Beiträge gar nicht bewältigen. Allein Heman Chong hat wiederum 50 Künstlerinitiativen aufgefordert, Videos einzusenden, und lässt sie auf einem Monitor laufen.

Sparwasser sucht nach den Schlupflöchern in den Regeln des Kunstbetriebs. Die sonst übliche Haltbarkeitsdauer freier Projekte von etwa drei Jahren hat die Initiative gerade überschritten. „Sparwasser gibt es, solange es uns interessiert und wir ohne Geld arbeiten können“, sagt Lise Nellemann, die den Raum im Jahr 2000 gemeinsam mit dem Künstler Torbjörn Lime gründete. Verkauf bleibt Nebensache. Es gibt nicht einmal feste Preise; Künstler und potenzielle Käufer verhandeln direkt. Statt Geld erhalten die Ausstellenden für ihren Einsatz Gelegenheit zum Experimentieren und neue Kontakte. Und auch Lise Nellemann zieht aus ihrer organisatorischen Tätigkeit kulturelles Kapital. Die 1960 geborene Künstlerin aus Dänemark versteht Sparwasser als ihr Werk. Und obwohl inzwischen an die 250 Künstler ausgestellt haben, ist die Teilnahme an „Berlin North“ der vorläufige Höhepunkt dieser Geschichte, der, so haben sie bei Sparwasser kurz überlegt, auch Gelegenheit für einen eleganten Schlussstrich geboten hätte.

Doch ein Schneeballsystem lässt sich schlecht stoppen. Im März präsentierte sich Sparwasser einem Istanbuler Kunstzentrum. Während sich Nellemann dort um den Aufbau kümmerte, bereitete Heman Chong in der Torstraße bereits die nächste Ausstellung vor. Und als Nellemann zurückkehrte, machten sich zwei Künstler aus Singapur ebenfalls auf den Weg: Gemeinsam mit Teilnehmern der aktuellen Klangausstellung geben sie nun nach dem „diskursiven Picknick“im Hamburger Bahnhof ein Konzert.

Sparwasser im Hamburger Bahnhof, bis 12. April, Invalidenstraße 50–51; Dienstag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr, Sonnabend/Sonntag 11–18 Uhr.

Sparwasser Headquarters: Torstraße 11; Mittwoch bis Freitag 16–19, Sonnabend 14–16 Uhr.

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