Kultur : Die neue C-Klasse

Silvia Hallensleben

In der guten alten Schmalfilmzeit galten Amateurfilmer als verschrobene Ausgeburten deutschen Hobbywesens oder gar als Spießer, die auf Muttis Klappcouch bloß Heimpornos drehen. Ein Vorurteil, na klar: Schließlich hat auch Tom Tykwer als Heimwerker im elterlichen Wohnzimmer angefangen. Mittlerweile ist Videotechnik preiswert zu haben: schnell ein Schnittprogramm auf dem Rechner installiert, und schon ist der erste Neunzigsekünder für „youtube“ fix und fertig. Doch manche Menschen sind auch verrückt und hartnäckig genug, mit Freunden einen kompletten Neunzigminüter zu drehen – ohne Produktionsgesellschaft, Filmförderung und Honorar. Axel Wittmann nun hat es geschafft, seinen Film sogar in einem richtigen Kino unterzubringen: Ab Ostersonnabend zeigt das Lichtblick in der Kastanienallee Bad End , einen „Liebesfilm und Slasher-Thriller“ (Produktionsmitteilung) in vager Blair-Witch-Manier. Zugegeben: Die Figurencharakterisierung ist ebenso dürftig wie die Schauspielkunst der Hauptdarstellerin. Und für realistische Kampfszenen mit Körperkontakt hat das Budget wohl nicht gereicht. Und doch entwickelt der Film aus seinem spröden Setting durchaus Verführungskraft und hat am Ende mehr Charme als so manch perfekt gemachter Industrieschinken. Wie sagt’s der Held dieses deutschen C-Pictures? „Okay, ich hab’ nicht die Schwerkraft erfunden, aber ich weiß auch, was Anziehung ist.“

Liebhaber von B-Pictures und Autodidakt war auch Rainer Werner Fassbinder, der seine Produktivität hochprofessionell mit großfamiliären Arbeitsmethoden befeuerte, bei denen sich das Team in wechselnden Konstellationen aus dem immergleichem Personalpool rekrutierte. Ergänzend zur „Berlin-Alexanderplatz-Ausstellung“ in den Kunst-Werken versucht sich noch bis Juli eine Filmreihe im Arsenal an der schönen Idee, die personellen Verästelungen der damaligen Filmszene sichtbar zu machen. So wird auch der 1997 gestorbene Kameramann Dietrich Lohmann, der in 13 Fassbinder- Produktionen mitwirkte, nicht nur mit dessen Katzelmacher (heute) vorgestellt, sondern auch mit seinem Kameradebüt von 1968 (morgen): Ula Stöckls Debüt Neun Leben hat die Katze und zugleich die erste Abschlussarbeit einer Filmstudentin der Ulmer Hochschule für Gestaltung. Das episodische Frauenporträt mit seiner „flirtenden streunenden Erzählweise“, wie Erika Richter 1995 schrieb, hat nichts von seiner Frische eingebüßt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben