Kultur : Die neue Mauer

New Orleans, die Europäische Union und die Globalisierung: Wie Menschen ausgegrenzt werden

Slavoj Žižek

Einer anthropologischen Anekdote zufolge antworteten so genannte Primitive, wenn man sie auf ihre abergläubischen Sichtweisen ansprach: Natürlich glauben wir nicht daran, wir sind doch nicht blöd! Aber einige unserer Vorfahren sollen tatsächlich daran geglaubt haben...

Auf unheimliche Weise scheinen bestimmte Überzeugungen stets auf Distanz zu funktionieren. Damit der Glaube funktioniert, muss es einen letzten Garanten geben, doch dieser Garant wird immer aufgeschoben und verschoben, ist nie persönlich anwesend. Vielmehr genügt es, seine Existenz vorauszusetzen, entweder in Gestalt des Primitiven oder des unpersönlichen man. Man glaubt...

Wir alle erinnern uns an die Berichte über den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, den Ausbruch schwarzer Gewalt, Vergewaltigungen und Plünderungen, nachdem der Hurrikan „Katrina“ über New Orleans hinweggefegt war. Spätere Untersuchungen ergaben, dass diese angeblichen Gewaltorgien in der großen Mehrzahl der Fälle einfach nicht stattgefunden hatten. Wilde Gerüchte waren von den Medien als Fakten verbreitet worden. So wurde etwa am 4. September Superintendent Compass von der Polizei New Orleans mit folgender Bemerkung über die Zustände im Convention Centre von New Orleans zitiert: „Die Touristen laufen dort herum, und sobald diese Leute sie sehen, fallen sie über sie her. Sie schlagen und vergewaltigen sie auf der Straße.“ Zwei Wochen später gab er zu, dass einige der schockierendsten Äußerungen sich als unwahr erwiesen hatten („Fear Exceeded Crime’s Reality in New Orleans“, New York Times, 29. September 2005).

Die Wirklichkeit der Schwarzen, die man völlig im Stich gelassen hatte, wurde in ein Gespenst verwandelt: das Gespenst eines Ausbruchs schwarzer Gewalt, das Gespenst der Beraubung und Ermordung von Touristen in den Straßen, in denen reine Anarchie herrschte, das Gespenst des Superdome in den Händen von Jugendbanden. Diese Berichte hatten Folgen. Sie weckten Befürchtungen, die die Behörden dazu veranlassten, Truppen umzuverlegen, sie verzögerten den Abtransport von Patienten, sie veranlassten Polizeioffiziere, den Dienst zu quittieren, sie führten dazu, dass Hubschrauber nicht zum Einsatz kamen.

Natürlich war dieses Gefühl der Bedrohung von wirklicher Unordnung und Gewalt ausgelöst worden. In dem Moment, als der Sturm über New Orleans hinweggezogen war, begannen Plünderungen, die von einfachem Mundraub bis zu schäbigem Diebstahl reichten. Doch die (eingeschränkte) Wirklichkeit von Verbrechen rechtfertigt auf keine Weise Berichte über den völligen Zusammenbruch von Gesetz und Ordnung, und zwar nicht, weil diese Berichte übertrieben waren, sondern aus einem wesentlich radikaleren Grund. Wir haben es hier mit etwas zu tun, was man als Lügen unter dem Deckmantel der Wahrheit bezeichnen könnte. Selbst wenn das, was ich sage, tatsächlich stimmt, sind die Motive, die mich zu dieser Aussage bewegen, falsch.

Natürlich geben wir diese Motive nicht offen zu, aber nichtsdestotrotz tauchen sie in der Sphäre der Öffentlichkeit in zensierter Form auf, als Leugnung, als eine drastische, geäußerte und dann sofort verworfene Meinung. Man denke an das, was William Bennett, der neokonservative Autor von „The Book of Virtues“ (Das Buch der Tugenden), am 28. September 2005 in seiner über 115 Radiostationen verbreiteten Sendung „Morning in America“ sagte: „Aber ich weiß, es stimmt: Wenn man die Kriminalitätsrate senken wollte, könnte man, wenn dies das einzige Ziel wäre, jedes schwarze Baby in diesem Land abtreiben und die Kriminalitätsrate würde sinken. Das wäre eine absolut unmöglich-lächerliche und moralisch verwerfliche Sache, aber die Kriminalitätsrate würde sinken.“

Dies ist nicht einfach nur der alte Rassismus, sondern es geht um wesentlich mehr: um ein grundsätzliches Kennzeichen der sich herausbildenden globalen Gesellschaft. Am 11. September 2001 wurde das World Trade Center zerstört. Zwölf Jahre davor, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Der 9. November kündigte die glücklichen Neunziger an, Francis Fukuyamas Traum vom „Ende der Geschichte“, die Überzeugung, dass die liberale Demokratie im Prinzip gesiegt habe, dass die Suche vorüber sei, dass die Herausbildung einer globalen, liberalen Weltgemeinschaft nur noch eine Frage der Zeit sei und dass diesem sehr hollywoodartigen Happy End lediglich empirische Hindernisse entgegenstünden; lokale Widerstandsnester, deren Anführer noch nicht begriffen haben, dass ihre Zeit vorüber ist. Im Gegensatz hierzu ist 9/11 das Symbol des Endes der gücklichen Clinton-Zeit, der nun anbrechenden neuen Ära, in der überall neue Mauern errichtet werden, zwischen Israel und der Westbank, um die Europäische Union herum, an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Der Aufstieg der neuen Rechten ist nur das prominenteste Beispiel für diesen Drang, neue Mauern zu errichten.

Vor einigen Jahren traf die EU die Entscheidung, eine gesamteuropäische Grenzpolizei einzurichten, um das Gebiet der EU nach außen abzuschotten und den Zustrom von Immigranten zu verhindern. Dies ist die Wahrheit der Globalisierung: die Errichtung neuer Mauern, um das wohlhabende Europa vor der Flut der Immigranten zu schützen. Man ist hier versucht, den alten marxistischen Gegensatz der „Beziehungen zwischen Dingen“ und der „Beziehungen zwischen Personen“ zu neuem Leben zu erwecken. Bei der viel gepriesenen freien Zirkulation, die durch den globalen Kapitalismus möglich wird, zirkulieren nur die Dinge frei, während die Zirkulation von Personen immer stärker kontrolliert wird. Das Absondern von Menschen ist die Realität der ökonomischen Globalisierung. Gegen den Zustrom verzweifelter afrikanischer Immigranten wurden um die spanischen Enklaven in Marokko massive Grenzbefestigungen errichtet. Die Bilder erinnerten auf unheimliche Weise an diejenigen der Berliner Mauer, nur in entgegengesetzter Richtung, da die neue Mauer die Leute am Hereinkommen, nicht am Hinausgehen hindern soll.

Die grausame Ironie daran ist, dass ausgerechnet die Regierung Zapatero in Madrid, derzeit eine der tolerantesten in Europa, sich gezwungen sieht, diese Absonderungsmaßnahmen zu treffen: ein klarer Hinweis auf die Grenzen des multikulturellen, toleranten Ansatzes, der für offene Grenzen und die Akzeptanz der anderen plädiert. Würde man die Grenzen öffnen, wären die lokalen Arbeiterschichten die ersten, die dagegen aufbegehrten. Dies verdeutlicht, dass die Lösung nicht darin bestehen kann, die Mauern niederzureißen und sie alle hereinzulassen, wie die billige Forderung weichherziger liberaler Radikaler lautet. Die einzige wahre Lösung ist die, die wahre Mauer einzureißen, nämlich die sozioökonomische: die Gesellschaft selbst zu verändern, so dass die Menschen nicht mehr länger verzweifelt versuchen, ihrer eigenen Welt zu entkommen.

Damit kommen wir noch einmal auf New Orleans zurück. Es ist eine der Städte in den USA, die am stärksten von einer inneren Mauer gekennzeichnet sind, die die Wohlhabenden von den ghettoisierten Schwarzen trennt. Das Subjekt, dem unterstellt wird zu plündern und zu vergewaltigen, befindet sich auf der anderen Seite der Mauer. Mehr als alles andere zeugen die Gerüchte und falschen Berichte, die im Anschluss an „Katrina“ kursierten, von der tiefen Klassenspaltung der amerikanischen Gesellschaft.

Übersetzung aus dem Englischen: Nikolaus G. Schneider. Von Slavoj Žižek erschien zuletzt „Die politische Suspension des Ethischen“ (Suhrkamp Verlag).

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