Die neue Philharmonie de Paris : Lauschen wie Gott in Frankreich

Beim Gastspiel von Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern in der neuen, von Jean Nouvel erbauten Philharmonie de Paris erweist sich die Akustik des 2400-Plätze-Saales als überwältigend.

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Blick in den Saal der Philharmonie de Paris beim Konzert der Berliner Philharmoniker.
Blick in den Saal der Philharmonie de Paris beim Konzert der Berliner Philharmoniker.Foto: Monika Rittershaus/Berliner Philharmoniker

Schon 2007, als Jean Nouvel den Wettbewerb für die Philharmonie de Paris gewann, waren die Berliner Philharmoniker dabei. Auf einer Computersimulation nämlich, die die östliche Fassade des Gebäudes im Parc de la Villette zeigte: In fast 50 Metern Höhe, so sah es Nouvels Plan vor, sollten die Künstler des jeweiligen Abends in Riesenlettern projiziert werden – so dass die Autofahrer auf dem angrenzenden Stadtring, dem boulevard péripherique, das aktuelle Angebot keinesfalls übersehen können sollten. Da erschien dem Architekten das deutsche Spitzenorchester wohl am verlockendsten. Auch ein Datum für dieses Gastspiel war auf den Skizzen von 2007 bereits genannt: der 12. September 2012.

Damit hat es nicht ganz geklappt: Nach endlosen politischen Kämpfen, Bauverzögerungen und einer Verdoppelung der Kosten wurde die Philharmonie am 14. Januar eingeweiht. Ein „soft opening“ würde man das im Hoteljargon nennen: Denn das Haus war zwar für den Staatsakt mit Präsident Hollande irgendwie bespielbar gemacht worden, doch in Wahrheit alles andere als fertig. Auch jetzt, fünf Wochen später, beim tatsächlichen ersten Auftritt der Berliner im 2400- Plätze-Saal, wird noch überall gewerkelt. Zudem kam die Bühne bei jeder kollektiven Bewegung einer Stimmgruppe derart ins Schwanken, dass die Musiker kaum noch ihre Noten lesen konnten.

Bis zum Sommer wird sich das Nachbessern wohl hinziehen. Dass hier aber ein wirklich einzigartiges Kulturzentrum entsteht, lässt sich jetzt schon erahnen. So griesgrämig-grau der Bau aus der Ferne wirkt, so positiv überrascht ist der Besucher, wenn sich die Fassade beim Näherkommen als Puzzle aus 340 000 Vogelsilhouetten entpuppt.

Die Tiermotive breiten sich über alle scharfkantigen Flächen aus und sind in mattem Aluminium ausgeführt. Zwischen diese gebrochenen geometrischen Formen hat Jean Nouvel weiche, fließende Flächen eingefügt, die aus blankpoliertem Stahl bestehen. Jede Seitenansicht wirkt darum unterschiedlich, das Ganze erschließt sich nur dem, der die komplette Runde ums Gebäude macht.

Oder ihm gleich aufs Dach steigt: Noch ist der Fußgängerweg nicht für die Öffentlichkeit freigegeben, der vom Park in vielfachen Windungen hinauf zur Panoramaterrasse führt. Aber wenn es so weit ist, dürfte tout Paris hier hochsteigen: Auf der einen Seite zeigt sich die stolze capitale, auf der anderen schweift der Blick über die endlosen Vorstädte.

Diese Philharmonie soll ein Ort für alle sein, nicht nur für die Elite

Fast 12 Millionen Menschen wohnen in diesem urbanen Großraum, fein säuberlich getrennt: die Wohlhabenden im Süden und Westen, die Armen im Norden und Osten. Die Entscheidung, einen Konzertsaal im 19. Arrondissement zu bauen, auf dem ehemaligen Schlachthofgelände, direkt an der Grenze zum Problem-Département Seine-Saint-Denis, war eine politische. Neben den neuen Tramlinien, die die Vororte ringförmig untereinander verbinden, damit ihre Bewohner nicht mehr den Metro-Umweg übers Zentrum machen müssen, soll auch die Philharmonie zur Dezentralisierung beitragen. Und zum Treffpunkt nicht nur der Eliten werden, sondern aller Bewohner von „Grand Paris“.

So elegant die Foyers gestaltet sind, mit ihrem Blätterdach aus hauchdünnen Eisenplättchen – dies hier ist nur in zweiter Linie ein Ort zum Flanieren und Repräsentieren. Zwei Drittel des Hauses sind für die Kulturarbeit reserviert: Für die Profis, denen sechs Probensäle zur Verfügung stehen sowie 22 Übungskabinen. Und für die Education-Abteilung, die über 14 eigene Räume verfügt.

Nicht nur Kinder, sondern Menschen aller Altersgruppen sollen hier für die Klassik begeistert werden. Vorwissen ist nicht nötig. Neben traditionellen Formaten wie Werkeinführungen oder Hör-Seminaren setzt Intendant Laurent Bayle besonders auf Mitmach-Workshops: Da kann man Instrumente ausprobieren, spielerisch erste Stücke erarbeiten, das Einander-Zuhören im Ensemble trainieren oder sogar die Orchester im Konzert unterstützen, bei Choreinsätzen und als Rhythmusgruppe.

Beim Gastspiel der Berliner Philharmoniker freilich bleibt das Bildungsbürgertum unter sich. Mit bis zu 160 Euro sind die Eintrittskarten aber auch viermal teurer als bei den Konzerten des Hausensembles Orchestre de Paris. Am Wochenende, wenn für Familien und Neugierige Kurzkonzerte zu wechselnden Themen angeboten werden, sinken die Ticketpreise sogar auf Kinoniveau.

Ein goldener Schimmer legt sich hier über den Orchesterklang

Unglaublich präsent klingen die Celli und Kontrabässe gleich in den ersten Takten von Gustav Mahlers 2. Sinfonie. Leuchtend und eindringlich treten die Geigen hinzu, aber auch Holzbläser und Harfen können sich mühelos durchsetzen. Was sich hier herrlich entfaltet, ist eine Art Dolby-Surround-Sound.

Jean Nouvels Kunstgriff besteht darin, dass er die Ränge fast frei im Raum aufhängt und so hinter den Sitzreihen zusätzlichen Platz gewinnt, in dem sich der Schall ausbreiten kann. Und weil die Nachhallzeit größer ist als im Scharoun-Bau, legt sich ein goldener Schimmer über dem Klang, wirken selbst die Fortissimo-Passagen der Philharmoniker, die in Berlin stets etwas Gleißendes haben, hier unglaublich prachtvoll und üppig.

Wer im Supermarkt Quark kauft, kann zwischen drei Sorten wählen: Setzt man die Magerstufe mit einem akustisch trockenen Saal gleich, wäre der Berliner Saal im 20-Prozent-Fett-Bereich angesiedelt, der Pariser aber im 40-Prozent-Bereich. Auch wenn an diesem, vom französischen Publikum heftig bejubelten Abend, die Frage offenbleibt, inwieweit unter diesen Bedingungen wohl verschattete, fahle Stimmungen möglich sind – gerade bei einem Werk wie Mahlers Zweiter lässt man sich vom sahnigen Pariser Luxussound nur allzu gerne überwältigen.

Draußen, in der Februar-Nachtluft, schweift der Blick dann noch einmal über den 386-Millionen-Komplex: Nouvels Philharmonie ist kein autistischer Stararchitekten-Solitär geworden, sondern ein Haus, das sich in ein bestehendes Ensemble einfügen will. Hier, am südlichen Ende des Parc de la Villette residiert ja bereits seit 1995 die von Christian de Portzamparc entworfene Cité de la Musique mit einem 1000-Plätze-Saal und dem Musikinstrumentenmuseum. Daneben finden in einer gigantischen Markthalle aus dem Jahr 1867 Events statt, es gibt mehrere Off-Theater auf dem Gelände, dazu die Pop-Rock-Location Zenith und das Conservatoire national de musique et de danse. Wenn Laurent Bayles Konzept einer Kultur für alle aufgeht, dann wird hier, im Pariser Nordosten, tatsächlich eine Art europäisches Lincoln Center entstehen.

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