Kultur : DIE NEUE WALSER-DEBATTE: In fremder Zunge

Die erneute Kritik, die Martin Walser gegen das geplante Holocaust-Mahnmal in Berlin geäußert hat, ist auf vielfältiges Medienecho gestoßen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hatte bereits am Dienstag eine Beitrag Walsers gedruckt, in dem er der im Tagesspiegel vom 12. Juni zu lesenden Darstellung widersprach, er habe bei einer Podiumsdiskussion die Berliner Bevölkerung zum öffentlichem Protest oder garzu Demonstrationen gegen Eisenmans monumentales Stelenfeld aufgerufen. Er habe lediglich bekräftigt, schrieb Walser, daß er die Entscheidung über eine Holocaust-Gedenkstätte für eine "sehr sehr schwierige und ernst zu nehmende" Angelegenheit halte. Er habe im übrigen zu bedenken gegeben, "ob man diese Frage nicht durch die Berliner entscheiden lassen könnte." Der Tagesspiegel erklärte darauf gestern, die mißverständlichen Äußerungen Walsers zugespitzt zu haben.

Die Berliner "Tageszeitung" hingegen hält auch Walsers Entgegnung für eine "doppelbödige Klarstellung". Obwohl er aus seiner Ablehnung des Holocaust-Mahnmals keinen Hehl mache und das vorgesehene Gelände ausdrücklich für einen "fußballfeldgroßen Albtraum" halte, gebe er zu, nicht zu wissen, wie er bei der anstehenden Bundestagsdebatte am 25. Juni als Abgeordneter entscheiden würde. "Am Ende von Walsers geschichtspolitischen Einmischungen steht immer das gleiche", urteilt Stefan Reinecke in der "taz": "eine seltsame Privatisierung des öffentlichen Diskurses."

In der "Berliner Zeitung" bemerkt Jens Jessen, ärgerlich an dem Disput sei vor allem der wachsende "Unwillen der Öffentlichkeit, die Debatte zu ertragen". Mit Blick auf den Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde, Andreas Nachama, der verlangte, daß dem Schriftsteller der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entzogen werden müsse, schreibt Jessen: "Statt im Gespräch zu bleiben, wird nach Konsequenzen gerufen, die das Gespräch beenden; statt Argumente zu erwägen, drehen sich die Gesprächsteilnehmer das Wort gegenseitig, dann selbst im Mund herum." Es spreche für einen skandalösen Mangel an Streitkultur, "daß in der Debatte um das Mahnmal nicht geduldet wird, was zu jeder Debatte gehört: die freie Rede von Kritik und Gegenkritik".

Fritz Göttler nimmt Walser in der "Süddeutschen Zeitung" vor der "Autoren-Hetze" in Schutz. Er habe "ein Unbehagen" zum Ausdruck bringen wollen, das sich am Stand der Debatte entzünde. "Martin Walser hat die Zuständigkeit des Bundestages in Sachen Mahnmal in Frage gestellt und damit ein Mißtrauen den demokratischen Repräsentanten gegenüber anklingen lassen, das nicht gern gehört wird in diesem Land", schreibt Göttler. Ein Dichter ergreife öffentlich Partei für das Volk, und auch Walser verstehe sich als "Resonanzboden", der wiedergeben wolle, "was er aus dem Volk vernimmt". Aber, erläutert die SZ, es gehöre zu den "Privilegien der Dichter, mit fremden Zungen zu sprechen, durchlässig zu bleiben für die Stimmen von draußen". KM

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