Die Neuen Vocalsolisten beim Ultraschall-Festival : Ein Fest virtuoser Beweglichkeit

Ihr Auftritt im Radialsystem war einer der Höhepunkte des Festivals. Von konventionell bis krächzend, zerhackt bis verzerrt, war eine beeindruckende ästhetische Vielfalt zu hören.

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Die Neuen Vocalvolisten.
Die Neuen Vocalvolisten.Foto: Martin Sigmund

Sie könnten selbst das Telefonbuch singen. Diese Banalität trifft auf die Neuen Vocalsolisten wahrhaftig zu. Was immer ihnen Komponisten widmen, wird zum Fest an raffiniert ausbalanciertem oder kontrastiertem Stimmklang, virtuosester Beweglichkeit, Spiellaune und Intelligenz. Naturgemäß ist der Auftritt dieses Ensembles im Radialsystem Höhepunkt des Ultraschall-Festivals, das sich in diesem Jahr das Thema „Stimme“ auf die Fahnen geschrieben hat. „Stimme“ heißt hier nicht nur Gesang, noch dazu „schöner“, sondern auch Sprache jeglicher Couleur, als Bedeutungsträger oder sinnfreies Lautmaterial, heißt Körper, heißt existenzielle Äußerungen von Zunge, Kehlkopf, Mundhöhle – einschließlich aller vom „guten Geschmack“ verbotenen.

Bei Benjamin Sabey geht es noch konventionell zu. Der Amerikaner beschwört in seinem Madrigal „Voyages“ des Meeres und der Liebe Wellen, gelangt zu betörenden, oft halsbrecherisch eng geführten Klangmischungen. „Stroh“ von Carola Bauckholt zielt auf das Gegenteil – „Strohbass“ meint die tiefste erreichbare Region für eine Stimme, herausgegurgelt und gekrächzt, bis die Sänger ihren Unwillen sicht- und hörbar machen. Erstaunlich bei aller Komik, welch dichtes Stimmgefüge, welche Farbschichten auch hier entstehen. „Vier Liebesgedichte“ von Georg Friedrich Haas vereinen all diese Komponenten: die zerhackte, virtuos rhythmisierte Sprache mit dem sich in feinst verästelte Obertongefilde aufschwingenden Schöngesang.

Als semi-theatralische Aktion bringt Sergej Newski den zweiten Festival- Schwerpunkt der „politischen Stimme“ ins Spiel: „Pazifik Exil“ zeigt (nach Daniel Lentz) in fünf „konzertanten Szenen“ die Flucht deutscher Intellektueller vor den Nazis nach Los Angeles in die Villa Aurora der Feuchtwangers. An langen Tischen räsonieren Brecht und Schönberg, die Mann-Brüder und das Ehepaar Mahler-Werfel über untergegangene europäische Kultur und ein ewig blühendes Hollywood, sind schreibmaschinenklappernd, Papier zerknüllend und abstempelnd zugleich NS-Beamte, die über ihre Ausreise befinden. Dies alles in spröder Sprache, die zu verzerrtem Klang wird – Paul Fricks elektronische Zwischenspiele sind kaum mehr als ein Nachhall. Ein in kritischer Lakonie bizarres Szenario, das in seiner Aktualität bestürzt.

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