Kultur : Die neunziger Jahre hinterlassen Kunst zum Anfassen und Hinsetzen

Vanessa Müller

Design, Architektur und Musik als exponierte Orte kultureller Gestaltung verzeichnen schon länger unter dem Stichwort "crossover" Hochkunjunktur im Kunstbetrieb. Jahrzehnte nach der Diskussion um "high" und "low", Hoch- und Populärkunst, rollt eine neue Demokratisierungswelle durch die Galerien und zeitgenössisch orientierten Ausstellungshallen. Kunst zum Anfassen und zum Hinsetzen, das ist intuitive Wohlfühlkunst. Denn Kunst ist mittlerweile nicht nur, was an der Wand hängt, sondern scheinbar auch die Sitzgelegenheit gegenüber. So bekommt die Galerie eine ungeahnte Aufenthaltsqualität mit künstlerischem Mehrwert.

Willkommen in der "Wohnwelt Kunst"? Oder handelt es sich bei dieser Innenausstattung doch nur um den Versuch, das Prinzip vom erweiterten Kunstbegriff noch einmal neu zu formulieren? Wenn sich das Kunstwerk in Möbelform präsentiert, erhält es seinen verloren geglaubten Dingcharakter zurück, ohne in Verdacht zu geraten, der überholten Idee vom autonomen Kunstwerk nachzuhängen. Aus dem white cube zurück ins Leben, so redefiniert sich die Kunst aus dem Geist des Pragmatismus. Die Idee des Gesamtkunstwerks, das die Gestaltungsaktivitäten des Jugendstils bestimmte und auch dem Bauhaus-Stil seinen Stempel aufgedrückt hat, ist damit allerdings nicht gemeint. Potenzielle Möbelklassiker zu entwerfen, hat die Kunst dem Design längst freiwillig überlassen. Nachdem der individuelle Tapetenwechsel zur permanenten Neuerfindung der eigenen Lebenswelt geworden ist, liegt auch in der Kunst der Akzent auf der produktiven Auseinandersetzung mit dieser Lebenswelt. Wenn die Diskussion über die Kunst in der Bar nebenan stattfindet, warum nicht die Bar in die Ausstellungsraum verlegen? Kunst ist Kommunikation, und Kunst braucht Kommunikation. Das ist die neue Allianz mit dem Arbeitsfeld Design: Räume schaffen für den Diskurs und eine Plattform bereitstellen für das Publikum, das, aus der passiven Betrachterrolle befreit, mitten im Kunstprozess selbst gelandet ist. Franz West kreierte für die letzte documenta die komplette Bestuhlung für das Diskussionsforum "100 Tage - 100 Gäste": Möbelskulpturen mit Funktionalitätsanspruch. Liam Gillick baut farbige Paravents mit Designer-Touch, die als Kommunikationsanregung figurieren sollen: minimalistische Raumteiler mit Gesprächspotenzial. Bei Gerwald Rockenschaub gibt es Raum-im-Raum-Situationen mit aufblasbaren Großkissen und Stellwänden im Luftmatratzenprinzip, die nie genau verraten, ob sie Skulptur sind oder Kulisse für den Betrachter, der in diesem Szenario selbst zum Ausstellungsobjekt wird. Stefan Kern wiederum baut Sitzmöbel verschiedener Art - Bänke, Stühle, Hocker -, die perfekt an ihre Umgebung angepasst scheinen und doch in diese intervenieren. Die Objekte bewegen sich zwischen Kunst und Design, sind irgendwie benutzbar und doch seltsam funktionslos. Sie fordern auf, sich hinzusetzen und wirken, wenn man der Aufforderung nachgekommen ist, wie Plätze auf einer Tribüne mit privilegiertem Blick: von der Kunst hinein in den Alltag.

Andrea Zittel hat für ihre Kunstobjekte gar einen ganzen Produktkatalog entworfen: den "A-Z Administrative Service", der Dinge anbietet, die in ihrem puristischen Design auch aus dem "Manufaktum"-Katalog stammen könnten. Brauchen tut sie keiner, aber ihr Versprechen, das Leben komfortabler zu gestalten, macht sie seltsam smart. Perfekt ausgestattete Wohneinheiten bieten praktische Lösungen für das Alltagsleben, die "Escape Vehicles" hingegen funktionale Fluchträume zum Überleben. Da wird das Prinzip "Form Follows Function" durch amerikanischen Pragmatismus fast pervertiert: die Luxuskabine zur individuellen Weltflucht im Standard-Design. Le Corbusier hätte das gefallen, auch wenn bei Zittel die Sozialutopie vom besseren Leben durch besseres Design bislang nur als Prototyp im Kunstbetrieb getestet wird.

Tobias Rehberger hat bereits 1996 einige Freunde gefragt, in welcher Art Raum sie sich am wohlsten fühlen, und die Ergebnisse in exemplarischen Einrichtungen umgesetzt. Präsentiert wurde dieses "Schöner Wohnen"-Konzept nicht bei den Freunden zuhause, sondern als Environment. Dann ist das, was aussieht wie ein Möbelstück, gleichzeitig auch ein Stück Skulptur, und die Kunst und das Leben haben ein Thema gefunden, über die sie sich unterhalten können. Ein Jahr später hat Rehberger bei den "Skulptur.Projekten" in Münster das Dach von einem Gebäude der Universität in eine Open-air-Bar verwandelt: als begehbare Plastik und temporäres Club-Ambiente. Bei anderen Arbeiten gibt es inszenierte Querverbindungen zu anderen Künstlern und Werken, die den Kunstcharakter der so praktisch aussehenden Installationen aufrecht erhalten. Das ist das Spiel mit Label und Kontext, das die Mechanismen des Kunst-Seins kennt und trotzdem die Definitionsschraube gern ein wenig weiter dreht.

Jorge Pardo hat dieses Prinzip der Einrichtung mit Kunstanspruch bis in Richtung Eigenheim ausgebaut. Sein Haus, das im Rahmen einer Ausstellung des Museum of Contemporary Art in Los Angeles realisiert wurde, ist nicht nur Ausstellungsort und -objekt, sondern auch als privater Wohnraum konzipiert. Dadurch treten grundsätzliche Fragen hinsichtlich der Präsentation und Ortsspezifik von Kunst neben ihren potenziellen Gebrauchscharakter. Pardo entwirft Sitzgelegenheiten und Lampen in Anlehnung an das Design der Siebziger, die er zu perfekt gestylten Wohnsituationen arrangiert. Design und Geschmackskultur als konsumgesteuerte Formen der Distinktion und Selbstrepräsentation zeigen sich hier in formvollendeter Eleganz. Gleichzeitig erinnern Pardos Möbel aber auch an vergangene Kunstströmungen und ihre modischen Ausflüge in die Alltagskultur. Ist das Kunst oder doch nur angewandte Kunst, sprich Design? Pardo bündelt in seinen Installationen, in die er manchmal auch Designklassiker integriert, einen ganzen Fragekatalog über die Wechselbeziehung von Lifestyle und Leben, Alltag und Ästhetik. Seine Arrangements sind zu perfekt, um authentisch zu wirken, aber auch zu familiär, um an Kunst allein zu denken. So wird das Design zum Schauplatz, an dem alles permanent neu verhandelt zu werden scheint. Museen für angewandte Kunst sind da fast schon obsolet.

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