Kultur : Die Not der frühen Jahre

Frank Noack

Nächste Woche startet Roman Polanskis Dickens-Verfilmung „Oliver Twist“ in den Kinos. Aus dem exzellenten Hauptdarsteller Barney Clark wird wahrscheinlich kein großer Kinderstar werden – zu ernsthaft, zu wenig niedlich verkörpert er einen hungernden Waisenknaben. Kinderstars müssen Optimismus verbreiten, sie müssen sich gegen erwachsene Verbrecher zur Wehr setzen wie „Kevin“ Macaulay Culkin oder in schweren Zeiten ihre Familie ernähren wie einst Shirley Temple. Der Prototyp aller Kinderstars war der 1914 geborene Jackie Coogan, der auch einmal in die Rolle des Oliver Twist geschlüpft ist. Wie so viele kleine Großverdiener hat er von seinem Geld kaum etwas gesehen, er musste sogar gegen seine Eltern prozessieren, um an sein Vermögen zu kommen. Coogans Kampf resultierte in einem Gesetzesentwurf, „Child Actors Bill“ oder auch „Coogan Act“ genannt, zum Schutz des Vermögens von Kinderdarstellern. Für ihn selbst kam das Gesetz zu spät. Die Eltern hatten keinen Cent übrig gelassen.

Zum Idol einer ganzen Generation von Kindern und Erwachsenen wurde Jackie Coogan mit The Kid (1921), dem ersten Langfilm von Charles Chaplin. Meist räumte Chaplin seinen Mitspielern nicht viel Platz ein. Für Coogan machte er eine Ausnahme, weil er sich in dem Jungen wiedererkannte. Der autobiografisch geprägte Film orientiert sich an Chaplins eigener Kindheit mit ihren Überlebenskämpfen. Zuschauer in aller Welt waren hingerissen von dem Waisenknaben und dem Tramp, der sich seiner annimmt, obwohl die beiden nicht vor Diebstählen und Sachbeschädigungen zurückschrecken (Sonnabend und Sonntag im Zeughaus mit Live-Musikbegleitung).

Armut wird im Film aus den unterschiedlichsten Gründen verharmlost. Chaplin hat sie aus eigener Kraft und mit etwas Glück überwunden, deshalb war er nicht an radikalen sozialen Anklagen interessiert. Der Antikapitalist Pier Paolo Pasolini vertrat die Ansicht, Geld verderbe den Charakter, daher war Armut für ihn ein Zeichen von Reinheit. Seine 1970/71 gedrehten Filme Decameron und Pasolinis tolldreiste Geschichten (nach den „Canterbury Tales“ von Geoffrey Chaucer), von vielen damals als Tribut an die Sexfilmwelle missverstanden, sind ein Hohelied auf das einfache Leben ohne Konsumgüter. Weil er so etwas in der Gegenwart nicht mehr vorfand, rekonstruierte Pasolini eben Epochen, die ein paar Jahrhunderte zurücklagen. Über die Authentizität der Filme lässt sich streiten – Tagelöhner haben damals bestimmt noch keine marxistischen Thesen formuliert. Aber die derbe Sinnlichkeit und der Verzicht auf perfekte Körper, vor allem auf geschlossene Zahnreihen, beeindrucken noch heute (Donnerstag, Sonnabend und Dienstag im Arsenal).

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