Kultur : Die Oase

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Ulrich Clewing gratuliert der Berliner Gemäldegalerie zum 5. Geburtstag

Vor einigen Wochen fand in der Berliner Gemäldegalerie eine seltsame Veranstaltung statt. Es war an einem Sonntag um elf, in der großen Halle des Museums hatte man ein provisorisches Podium aufgebaut und 100 Stühle davor gestellt. Sie waren ungefähr zur Hälfte besetzt – was den Moderator zu der Bemerkung veranlasste, an diesem Andrang könne man sehen, wie aktuell die Problematik doch sei , über die in den nächsten anderthalb Stunden diskutiert werden sollte. Sie locke ja offenbar viele Zuhörer an, selbst an einem Sonntagvormittag, selbst bei diesem Wetter. (An dem Tag war es wechselnd bewölkt, später regnete es.)

Das Thema der Veranstaltung lautete sinngemäß: „Alte Meister – und was sie uns heute zu sagen haben“. Die Organisatoren wollten damit ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, wie wenig Aufmerksamkeit die Berliner Gemäldegalerie auf sich zieht: Trotz der darin versammelten Schätze kommen jährlich nur circa 250000 Besucher. Jemand sagte, dass es in diesen Zeiten schwer sei, Sponsoren zu finden. Ein anderer meinte, die Kunst vor 1800 habe nun mal kein so gutes Image wie die Zeitgenossen mit ihren reichen Sammlern und potenten Freundeskreisen. Während also ein bisschen debattiert wurde, warteten in den menschenleeren Sälen des Museums die Rembrandts und Vermeers, die van Eycks, die Holbeins und Tizians auf kunstsinnige Betrachter, Flaneure, BerlinReisende.

Am Ende war wieder einmal klar, dass es Dinge gibt in Berlin, die es nur in Berlin gibt. In jeder anderen Stadt wäre ein Museum, welches über eine derartige Sammlung verfügt. wie die vor fünf Jahren am Kulturforum eröffnete Gemäldegalerie, an einem Sonntagmittag gewiss überfüllt. Lange Schlangen hätten sich an den Kassen gebildet, Straßenmusikanten und fliegende Händler würden glänzende Geschäfte mit den Touristen machen.

Nicht so in Berlin, der deutschen Hauptstadt. Eine Umfrage unter den Abgeordneten von Land und Bund würde gewiss ergaben, dass nur wenige der Repräsentanten des Volkes in den letzten zwölf Monaten in der Gemäldegalerie waren. Und das liegt nicht allein daran, dass sich dieser Ort der Weltkultur mit seinem eher versteckten Eingang so wenig einladend zeigt. Man muss das Kulturforum nicht mögen. Man kann an der Architektur von Heinz Hilmer, Christoph Sattler und Thomas Albrecht einiges kritisieren. Dennoch lassen die Oberlichtsäle des Museums jene Gemälde aufs Schönste zur Geltung kommen, die zur Spitze des europäischen Kunstschaffens quer durch die Epochen gehören. Berlin hat nach Amsterdam die meisten Rembrandt-Gemälde (nämlich 24), hat zwei Vermeers (manch andere weltberühmte Sammlung hat nur einen), frühe Niederländer sowie betörende Italiener der Renaissance. Bloß nimmt in der Stadt kaum einer davon Kenntnis: Die Augen könnten einem übergehen, aber keiner guckt hin.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Sie reichen von der Routenplanung der Touristikunternehmer bis hin zur Geldknappheit und den sprunghaften Planungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die die Alten Meister mal im künftigen Neubau am Schlossplatz, mal auf dem Kasernengelände gegenüber der Museumsinsel unterbringen möchte – und damit verhindert, dass so etwas wie eine dauerhafte Identität entsteht. So teilt die Gemäldegalerie ihr Schicksal mit dem benachbarten Kunstgewerbemuseum, das ebenfalls grandiose Stücke beherbergt und dennoch ein Schattendasein fristet.

Der Dornröschen-Schlaf der Gemäldegalerie hat auch seine Vorteile: Nirgendwo sonst lassen sich die Hauptwerke der abendländischen Kultur derart in Ruhe betrachten, nirgendwo sonst ist man so ungestört mit den Bildern. Ein wahrer Kunstgenuss – so lange noch Zeit ist.

Am heutigen Donnerstag feiert die Gemäldegalerie ihr Jubiläum von 10 bis 22 Uhr mit einem Tag der Offenen Tür.

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