Kultur : Die Obsessionen eines alten Mannes

JÖRG VON UTHMANN

813 000 Besucher pilgerten zu Claude Monets Spätwerk, vermeldet stolz die Royal Academy in London, wo es von Ende Januar bis Mitte April zu sehen war. Rechnet man die Massen hinzu, die in das Museum of Fine Arts in Boston strömten, die erste Station der Ausstellung, so kommt man auf fast 1,4 Millionen Besucher. Kein Wunder, daß die Pariser neidisch über den Ärmelkanal blicken. Aber sie haben schon zum Gegenschlag ausgeholt. In der Orangerie ist bis Anfang August die umfangreichste Kollektion von Seerosen zu bewundern, die je an einem Platz versammelt war. Es gibt keinen Ort, der dafür geeigneter wäre. Denn in der Orangerie sind die acht größten Fassungen der Seerosen fest installiert.

Die "Nymphéas" waren die Obsession des alten Monet; sie beschäftigten ihn fast dreißig Jahre lang. Dabei war es nicht einfach gewesen, sie anzupflanzen. Als er 1893 das Nachbargrundstück in Giverny dazukaufte, um dort einen Teich anzulegen, befürchteten die Bauern, er werde ihnen buchstäblich das Wasser abgraben. Die exotischen Gewächse, die sich rasch auf dem Teich ausbreiteten, stimmten sie nicht versöhnlicher. Sie glaubten, die Seerosen würden ihr Vieh vergiften. In einem Nebenraum sind die Briefe an den Präfekten ausgestellt, in denen sich Claude Monet gegen die Quertreiber zur Wehr setzte, ebenso ein Teil der Korrespondenz mit seinem Freund Georges Clemenceau. An Clemenceau schrieb Monet auch den entscheidenden Brief vom 12. November 1918, in dem er dem französischen Staat zum Waffenstillstand die beiden ersten seiner grandes décorations schenkte. Später war es Clemenceau, der sein altes "Herz immer wieder zur Arbeit antrieb" und schließlich für die Unterbringung des Geschenks in der Orangerie sorgte.

Alles in allem hat Monet 250 Seerosen-Bilder gemalt. Gut sechzig davon sind in Paris zu sehen. Die erste Serie entstand 1897, eine zweite 1900. Im Mai 1909 stellt Monet in der Galerie Durand-Ruel seine dritte, umfangreichste Serie aus; sie ist von einer fast rokokohaft heiteren Eleganz. Als er 1914 das Thema wieder aufnimmt, sind seine Farben dunkler, ist sein Pinsel summarischer geworden. Bei den Arbeiten aus den zwanziger Jahren stellt sich die Frage, ob sie nicht als Produkte des Niedergangs anzusehen sind. Das war jedenfalls die Meinung der zeitgenössischen Kritik. Als die Orangerie nach Monets Tod eröffnet wurde, sprach so mancher Kollege von einem künstlerischen Selbstmord: Mit den Seerosen, schrieb der Maler André Lhote, schwimme auch die "Ophelia der Malerei" im Teich.

Nach den Gründen für den Niedergang brauchte man nicht lange zu suchen: Monet war auf dem besten Weg gewesen, blind zu werden. Drei Staroperationen bewahrten ihn zwar vor dem Schlimmsten; doch klagte er danach, die Operationen hätten sein Farbempfinden verändert. Als ein Rohrbruch die "großen Dekorationen" beschädigte, regte sich niemand auf. 1935 wurden sie mit Gobelins zugehängt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Einschätzung. Daran waren vor allem amerikanische Kunsthistoriker schuld, die für den ersten Welterfolg einer einheimischen Malerschule, den abstrakten Expressionismus, nach europäischen Schutzheiligen suchten. Der expandierende Kunstmarkt kam hinzu: Da Monets Meisterwerke längst in europäischen Museen hingen, stürzten sich die amerikanischen Sammler auf den unverkauften Nachlaß. Giverny entwickelte sich zu einer Andachtsstätte, ohne deren Besuch kein amerikanischer Kunstfreund aus Europa zurückkehren durfte: Die Hälfte der Busladungen, die sich durch Monets Garten schieben, sind Amerikaner.

Auch in Frankreich wandelte sich die Einstellung. 1952 erhob André Masson die Orangerie zur "Sixtinischen Kapelle der Impressionisten". Im gleichen Jahr begann man damit, die vernachlässigten grandes décorations zu restaurieren. Als die Arbeiten 1978 abgeschlossen waren, hatte sich das Urteil radikal geändert. Aus der geschmähten Ophelia, die verblüht zwischen ihren Seerosen schwamm, war jetzt der Ahnherr der Zeitgenossen und der Prophet der rechtgläubigen - sprich: abstrakten - Malerei geworden. Doch ist die Diskussion noch im Fluß. Wie sehr, ist nicht zuletzt daran abzulesen, daß es die Organisatoren der Ausstellung nicht fertigbrachten, rechtzeitig einen Katalog vorzulegen. Er wird für das Jahr 2001 versprochen. Bis dahin soll auch die Orangerie, die nach dem Ende der Ausstellung geschlossen wird, gründlich restauriert sein. Wenn sie wieder zugänglich ist, werden sich die Seerosen so präsentieren, wie es Monet vorschwebte - unter dem Licht des Pariser Himmels.

Die Ausstellung in der Pariser Orangerie ist noch bis 2. August zu besichtigen.

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