Kultur : Die Odyssee im Seelenraum

HELLMUTH KARASEK

Stanley Kubrick, einer der versessensten und besessensten Filmemacher, war über zwei Jahrzehnte lang von der Idee verfolgt, Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" zu verfilmen. Er schob diesen Plan, der ihn als Obsession belagerte, für akutere Stoffe beiseite - "Full Metal Jacket" etwa, einen Vietnamfilm, der, im ersten Teil, sicherlich der beste Film über militärischen Drill ist, der je gedreht wurde, eine minutiös brutale Studie über die Abrichtung des Menschen zur Kampfmaschine - die Knochenschinderei des Exerzierens zerbricht den Rekruten (in diesem Fall handelt es sich um die US-EliteTruppe der "Marines") auch ihre Person, ihre Persönlichkeit, ihre Seele.Von zerstörten Seelen, angestrebter und erforderlicher Seelenlosigkeit handeln so gut wie alle Filme Kubricks, dessen Größe auch in seinem gnadenlosen Blick für die und in die Abgründe, Tiefen und Untiefen der Person begründet ist. Während die Gesellschaft ihre Bestimmung darin sieht (beim Militär, bei Jugendbanden, bei Astronauten, in Kleinstadt-Beziehungen), ihre Mitglieder zum seelenlosen, ruhigen Funktionieren abzurichten, brechen die so geknebelten Individuen aus - in Wahnsinn und Gewalt vor allem; die geschlagene, die geknebelte Seele rächt sich.Kein Wunder, daß ein Filmemacher von der Disposition, wie sie Kubrick auszeichnete und beherrschte, von Schnitzlers "Traumnovelle" geradezu zwanghaft verfolgt wurde. Und es hat fast symbolischen Charakter, daß Kubrick die "Traumnovelle" als sein letztes Werk beendet hat: Wie der Traum die Seele auf der Überfahrt vom bewußten Ich zum unterbewußten Es in zitternden, verschwimmenden, explodierenden und die Wahrheit als Maske und Fratze zeigenden Bildern festhält - Bedrängnis und Befreiung, Verschlüsselung und Offenbarung zugleich -, so ist auch Kubricks Film gewissermaßen zu einem posthum festgehaltenen, im Tod eingefrorenen Traum geworden. Das berührt seltsam bei einem Stoff, der bei seinem immer tieferen Eintauchen in die Welt der geheimen Wünsche und Obsessionen selbst mit einem erschrockenen Flügelschlag die Welt der Nekrophilie (der Liebe zu den Toten, zu den Erstarrten) streift, wenn der Held der Novelle, ein Arzt mit reizender Frau und reizender Tochter, auf einer Odyssee in die Nacht, als Tote jene Frau zu erkennen sucht, die sich ihm als Lebende, vielleicht?, geopfert hat und die er, vielleicht?, hätte er sie wirklich ohne Maske erkennen können, geliebt hätte. Vielleicht. Wahrscheinlich ist es in dieser gleitenden Traumwelt nicht, wo nur das Geheimnis der Maskerade und der Bedrohung den Reiz der Begierde ausmacht.Doch der Reihe nach! Schnitzlers 1925 geschriebene, 1926 bei Fischer erstmals publizierte "Traumnovelle" hat ähnlich wehe und spöttische Einsichten in die Flüchtigkeit erotischer Begegnungen, in ihre Maskierungen wie der (durch den Theaterskandal) viel bekanntere "Reigen"; die Novelle offenbart ähnlich scharf konturierte Bilder von der Gnadenlosigkeit und Verschlagenheit, vor allem aber der Getriebenheit der Sinne, die die Moral in den Kerker der Verdrängungen und Träume sperrt, wie sie das "Weite Land" offenbarte.Schnitzler, in dem Sigmund Freud mit Bewunderung und Neid seinen "Doppelgänger", seinen Zwilling im Geiste sah, hat das einmal so formuliert: Es sei "noch lange nicht klar, wie wenig wir wollen dürfen und wieviel wir müssen". Müssen, wenn wir unseren Trieben gehorchen? Müssen, wenn wir sie unterdrücken, beherrschen? Die "Traumnovelle" schwimmt auf jenen unergründlichen Gewässern, die die Trennungsfläche zwischen Wirklichkeit und Traum bilden, wo beide Zwänge einander durchdringen, den Seelengrund aufwirbeln, aus seinem trüben Dunkel ein Kaleidoskop bedrängend schöner Bilder und Visionen entstehen lassen.Schnitzler hatte die Befähigung des Arztes, des großen Traumverfallenen, der mehrere hundert seiner Träume aufzeichnete, des Erotomanen, des späten Bürgers von Wien, in dessen Aufbruch in die Moderne sich alle morbiden Einsichten freisetzten in die Seele als das "Weite Land", das Schlachtfeld von Thanatos und Eros, von Todestrieb und Sexualität.Es ist eine Geschichte aus dem Wiener Fasching. Der junge Arzt und seine junge Frau waren auf einem Maskenfest, bei dem er sich, beinahe, mit zwei Maskierten sexuell eingelassen hätte; sie, beinahe, den verführerischen Zudringlichkeiten eines Verehrers erlegen wäre. Beinahe! Die beiden kommen, betrachtet man es vom Standpunkt der Ehemoral, mit heiler Haut davon, erleben eine innige Nacht miteinander, heftig und zärtlich und aufeinander neugierig wie schon lange nicht, am Abend darauf treffen sie sich am Bett der einschlafenden Tochter, und - auf einmal - beginnen sie einander Beichte abzulegen: von Treuebrüchen, die vielleicht deshalb so schmerzhaft und wirklich auf den Partner wirken, weil sie unerfüllt, "unvollzogen" geblieben sind. Sie hat im Urlaub die Avancen eines dänischen Verehrers genossen, der, hätte er gewollt, den Erfolg seiner Bemühungen hätte ernten können. Er ist, für Sekunden, einem blutjungen Mädchen begegnet, in dessen Augen er alle Bereitschaft sehen konnte - nur leider war es am letzten Tag des Badeurlaubs im Norden.Beide gestehen einander die Untreue mit dem Haß, zu dem nur Liebende fähig sind, die, weil sie verletzt worden sind, einander verletzen wollen. Und von dem Augenblick beginnt eine Reise in die Nacht, von der man nicht weiß, wann sie das Territorium der Wirklichkeit, wann das Reich des Traums betritt und verläßt. Der Arzt wird zu einem Sterbenden gerufen, kommt zu spät, die verbleibende Tochter des Toten wirft sich ihm mit einem Liebesgeständnis zu Füßen und in den Schoß. In einem Wiener Nachtcafé trifft er auf einen verkommenen Freund, der sich als Klavierspieler auf anrüchigen Festen über Wasser hält, er bedrängt den Klavierspieler, ihn auf eine geheime Orgie mit maskierten Nackten, die anonym miteinander kopulieren, mitzunehmen; er besucht einen Maskenverleih, wo die kindliche Frau oder Tochter des Maskenverleihers von Maskierten bedrängt wird und ihn bedrängt; er besucht eine sechzehnjährige Hure, deren Hingabe er zurückweist, weicht feige Situationen aus, in denen ihn Corps-Studenten zum Duell nötigen wollen. Die Orgie erweist sich als verschwiegenes Treffen einer geheimnisumwobenen Sekte, dem er, verboten, beiwohnt, worauf er nur dadurch dem Tode entkommt, daß eine Liebende sich für ihn opfert.Und als er das alles, was die Nacht in ihm aufgewühlt, freigesetzt und ans grelle Licht gebracht hat, seiner Frau beichtet, wartet sie ihm mit einem Traum auf, in dem er hingerichtet wird, weil er ihr treu bleiben will, einer Herrscherin über sein Leben und seinen Tod nicht zu Willen ist. Die Frau - im Traum? im Leben? in beidem? - weiß dieses Treueopfer seinerseits keinesfalls zu schätzen. Im Gegenteil: Sie verachtet ihn für seine Christus-Opfer-Rolle für die Ehe.Aus diesem Geflecht aus Haß und Zuneigung, Zumutungen und Zuwendungen finden beide zurück in den Tag: ". . . bis es wie jeden Morgen um sieben Uhr an die Zimmertür klopfte und mit gewohnten Geräuschen von der Straße her, einem sieghaften Lichtstrahl durch den Vorhangspalt und einem hellen Kinderlachen von nebenan der neue Tag begann."Schnitzlers Novelle von Tag- und Nachtseiten der Liebe hat eine ähnliche (filmische) Bedrängungskraft und Eindringlichkeit wie sie Buñuels Film "Belle de jour" auf den Zuschauer ausübt. Auch da flieht die Heldin (die strahlend schöne Catherine Deneuve) aus der hellen, heilen, gesunden, vernünftigen Welt ihrer Ehe in ein Bordell wüster Träume, Orgien und sinistrer Besessenheiten.Als Kubrick einem Schauspieler offenbarte, er wolle Schnitzlers Novelle aus dem Wien der Jahrhundertwende ins heutige New York verlegen, meinte der, das Verhältnis zu Moral und Sexualität habe sich doch inzwischen radikal verändert. "Finden Sie?", soll Kubrick ihn daraufhin lakonisch gefragt haben.

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