Kultur : Die öffentliche Vergewaltigung

PETER BECKER

Der Supreme Court gab einen überstürzten Freibrief für Pornographie im Internet.

Nun rufen alle, nicht mehr wie in Andersens Märchen: der Kaiser, sondern Der Präsident ist nackt.Nie zuvor in der Geschichte ist der Potentat einer Weltmacht so buchstäblich hautnah als Mensch - mit allem nur Allzumenschlichen - entblößt worden wie im Bericht des Sonderermittlers Kenneth Starr über das Verhältnis Bill Clintons mit Monica Lewinsky.Durch seine Verbreitung im Internet und die Wiedergabe der seitenlangen "Stellen" in fast der gesamten (westlichen) Weltpresse hat der Starr-Report einen Teil der Erdbevölkerung gleichsam über Nacht in eine Voyeurs-Gesellschaft verwandelt.

Jeder, der auch nur einen Funken Neugier verspürt, wollte das lesen.Doch hinterher reiben sich viele die Augen.Es ist eine Schmierenkomödie - und wenn zwar nicht der Präsident zurücktritt, aber nach diesen Veröffentlichungen zum Beispiel Monica Lewinsky Selbstmord beginge, dann wäre es auch: eine Schmierentragödie.Vielleicht fehlt dem Advokaten Starr, der in der Rolle des öffentlichen Anklägers vom selbstgerechten Savonarola immer mehr zum eifernden Spanner wurde, jede Vorstellung, was er angerichtet hat.

Was Clinton mit Lewinsky trieb, ist vergleichsweise banal.Und daß in Fragen ehelicher Treue seit biblischen Zeiten eine doppelte Moral zur Menschheitsgeschichte gehört, muß nicht mehr eigens erörtert werden.Das Besondere am Fall William Jefferson Clinton ist, daß ein insoweit kaum mehr nachvollziehbares Rechtssystem zwei Menschen fast gleichzeitig zu öffentlichen Lügnern machte.Da war die 1994 in Arkansas eingereichte Zivilklage von Paula Jones, Bill Clinton habe sie noch als Gouverneur von Arkansas in einem Hotelzimmer sexuell belästigt.Weil hier Aussage gegen Aussage steht, sollte Clinton nach der Entscheidung durch eine Bezirksrichterin unter Eid, um seine Glaubwürdigkeit zu erweisen, auch über mögliche Beziehungen zu "anderen Frauen" Auskunft geben.Schon damals, um die Jahreswende 1997/98, hätte der Präsident wie jeder andere Bürger darauf bestehen müssen, daß sein Sexualleben seine Privatsache sei und allein ihn und seine Frau etwas angehe.

Statt dessen hat Clinton zu tricksen versucht und eine "sexuelle Beziehung" zu Monica Lewinsky abgestritten: mit der unausgesprochen juristischen Begründung, daß diese (wie übrigens der frühere deutsche Strafrechtsbegriff der "Unzucht") allein den beiderseitig vollzogenen "Geschlechtsverkehr" meine.Just hier liegt die Quelle aller folgenden Unappetitlichkeiten.Trotzdem hätte Clinton nach deutschem Recht dabei nie des Meineids bezichtigt werden können, da jemand im Falle der Selbstbetroffenheit erstens nicht vereidigt wird und bei möglichen eigenen strafrechtlichen Konsequenzen niemand zur Selbstanschuldigung gezwungen werden kann.Eine Notlüge wäre dazu ausdrücklich gerechtfertigt.Im übrigen weiß man, wieviele Situationen es gibt im Leben, in denen die Verschleierung von Taten oder Gedanken für alle Betroffenen in Abwägung der möglichen Schäden gnädiger, vielleicht gar "moralischer" wirkt als "die Wahrheit und nichts als die Wahrheit".

Weil Clinton vom Fleck auf dem Kleid noch nichts wußte und auf das Schweigen (und Leugnen) Lewinskys vertraute, hat er gelogen.Der öffentliche, 450 Seiten dicke Gegenbeweis aber weckt nun seinerseits den Vorwurf der Unmoral - und gar der "Pornographie".Bill Clintons Anwälte monieren angesichts dessen, was da Akt für Akt Starr-klein zur bürokratischen Akte wurde: "Es gibt keine Notwendigkeit, diese Beziehung in allen schmutzigen Details zu beschreiben."

Auch diese Anwälte sind freilich infiziert von jenem amerikanischen Klima, in dem sich Bigotterie und Geilheit heute fast untrennbar mischen."Schmutzig" ist ja nicht, was zwischen Clinton und Lewinsky geschah.Es passiert tagtäglich zwischen Millionen Paaren.Die Obszönität ergibt sich erst durch die Veröffentlichung.Pornographie beruht entweder auf Erfindung oder, bei Filmen und Fotos, auf dem Einverständnis der Darsteller.Hier jedoch wird Intimität gegen den Willen der Betroffenen in beispielloser Weise gebrochen und enteignet.In jedem Strafverfahren - und dieses ist kein Strafverfahren - wäre bei ähnlichen Zeugenaussagen die Öffentlichkeit ausgeschlossen worden.

Der Fall hat so nichts mehr gemein mit der gewöhnlichen Empörung über mangelnden Datenschutz oder den "gläsernen Menschen" (der doch meist nur eine trübe Tasse ist).Mit der überstürzten Zustimmung zur Publikation im Internet hat das amerikanische Repräsentantenhaus, ohne den Inhalt des Starr-Reports bereits zu kennen, dem Fetisch einer vermeintlich unbeschränkten demokratischen Öffentlichkeit in ähnlicher Weise Rechnung getragen wie im letzten Jahr schon der Surpreme Court bei seinem Freibrief für Pornographie im Internet.Nun erschrecken die Herren und Damen, wie der Zauberlehrling über den Hexenspuk einst in Goethes Gedicht.

Als Hexenjäger wird inzwischen auch Kenneth Starr tituliert.Dabei richtet sich der Blick zumeist nur auf das vermeintliche Opfer Bill Clinton.Dessen Vergehen oder Schwäche ist in der Substanz freilich eindeutig.Der mächtige Mann hat sich mit einer Abhängigen eingelassen: ein Präsident und eine Praktikantin - das grenzt, von allen geschmacklosen Umständen abgesehen, schon an einen Mißbrauch der eigenen Stellung.Fast unvorstellbare Torheiten kommen hinzu: Der Präsident techtelt am Telefon, bespricht, ohne die möglichen Empfänger der Botschaft zu kennen, mehrfach den Anrufbeantworter Lewinskys und macht sich so potentiell erpreßbar.

Doch Mißbrauch getrieben mit seiner Macht hat auch der Ankläger der Macht.In einer Atmosphäre, die das Interesse an jeglicher oral history in Oral-Hysterie verwandelt, hat Kenneth Starr nicht nur Monica Lewinsky mit dem Köder der Immunität überredet, ihre diskrete Verneinung einer Beziehung mit Clinton zu widerrufen.Vielmehr zwang das offenbar gieprige Kreuzverhör eine kaum 25jährige Frau, sich gleichsam zu prostituieren.Und der Bericht über die Affäre muß Lewinsky jetzt nochmals als öffentliche Vergewaltigung erscheinen.Persönlichkeitsrechte und der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit wurden hier, ohne juristische oder politische Notwendigkeit, vollkommen außer acht gelassen.

Clinton befindet sich durch den Banal-Skandal seiner Quickies im Amt nun in den Zwickmühlen einer das Politische eher entpolitisierenden political correctness.Er erinnert insoweit an den Professor in David Mamets vor einigen Jahren auf der ganzen Welt gespieltem Stück "Oleanna", der sich im ursprünglich naiv unbefangenen Verhältnis mit einer Studentin heillos verstrickt.Vor Mamet aber gab es Molière.Denn wie der Präsident, die Bibel gleich einer Monstranz in der Hand, sich jetzt aufführt, sind wir wieder in einer alten, in der kunstvollsten aller Schmieren-Komödien: im "Tartuffe".Um die Titelrolle des mal bußfertigen, mal geilen Frömmlers streiten sich nun zwei, der Präsident und sein Kontrahent, jeder auf seine Weise.Noch sind wir nicht im fünften Akt, aber das Publikum, eben noch Voyeur, hat die Geschichte und ihre Protagonisten längst durchschaut.Jedenfalls deuten die amerikanischen Meinungsumfragen darauf hin, indem sie zwischen Politik und Privatheit, zwischen moralischen Ansprüchen, Heuchelei und einer unvollkommenen Realität mit bemerkenswerter Vernunft unterscheiden.

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