Kultur : Die Öffentlichkeit, das böse Tier

THEATER

Julia Büttner

Das Publikum wartet auf den Mörder. Wie Raben hocken sie dicht aneinander gedrängt auf ihren Bänken, starren auf die winzige Bühne vor ihnen, die nicht viel mehr ist als ein finsteres, kellerartiges Gewölbe. „The General public is a dirty animal“ hat der Kommissar gesagt, der jetzt versteinert mit dem Rücken zu ihnen steht. Es ist das Motto, das über den beiden einstündigen „Plays for the poor theat re “ steht – Stücken für das arme Theater, für das einfache Volk, die das englischsprachige Theater Friends Of Italian Opera zeigt. Von wo wird er kommen, der Massenmörder John Reginald Christie, der in den Fünfzigerjahren in London acht Frauen auf bestialische Weise umbrachte und von dem „Christie in love“ handelt?

Auf der Bühne steht, als einziges Requisit, ein Tischchen, mit einem langen Tuch bedeckt, spärlich beleuchtet. Stimmengemurmel schwillt an, Stöhnen, einzelne Worte. Etwas drückt sich von hinten gegen den Stoff, windet sich, das Tuch modeliert die Konturen eines Gesichts, einer knochigen, gequälten Fratze, die aus dem Stoff herauszuwachsen scheint, körperlos. Die Stimmen stürzen auf einen ein, es sind Fantasien voller Sex und Mordlust – das Publikum fühlt Schock, Faszination, Abscheu und Mitleid.

„Gum and Goo“, das zweite Stück, lässt einen an den Wahnvorstellungen und Erfahrungen eines autistischen Mädchens teilhaben. Unter der Regie von Lydia Steier ziehen die Schauspieler Simon Newby, Tomas Spencer, Rebecca Sponseller und Andrew Weale die Zuschauer in Szenen hinein, die einen oft hilflos dem eigenen Voyeurismus ausliefern. (Fidicinstr. 40, Kreuzberg, bis 15. November, täglich außer So um 20 Uhr)

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