Kultur : Die offene deutsche Frage

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Wie ein Pommer französisch lernte und zum Mittler zwischen Frankreich und Deutschland wurde: im 20. Jahrhundert ist das kein Titel für eine Märchengeschichte, sondern umschreibt die Umstände eines Lebens, bei dem zumindest in seinen Anfängen die Katastrophen der europäischen Geschichte kräftig mitspielen. 1946 aus seinem pommerischen Geburtsort Trieglaff vertrieben, verschlug es den halbwüchsigen Rudolf von Thadden nach Genf. Seither spricht dieser Ostdeutsche – seine Erscheinung weist ihn unzweifelhaft aus – ein wirbelndes Französisch. In dieser Erfahrung und in der Herkunft aus einer alten preussisch-protestantischen Familie – der Vater begründete nach dem Krieg die evangelischen Kirchentage – wurzelt der Historiker Rudolf von Thadden, aber auch der intellektuelle Charakter, mit dem er im öffentlichen Leben präsent ist.

Das deutsch-französische Verhältnis war immer das eine Bein, auf dem Thadden stand – als Wissenschaftler mit Arbeiten zu den Hugenotten, als Präsident des deutsch-französischen Instituts in Ludwigsburg von 1985 bis 1994, als Directeur d’Etudes an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris seit 1983. Das gipfelte 1999 in der Berufung durch Bundeskanzler Schröder zum Koordinator für die deutsch-französische Zusammenarbeit. Der Professor für mittlere und neuere Geschichte in Göttingen kennt Schröder übrigens aus dessen Juso-Zeiten, die in Göttingen stattfanden.

Der andere Zweig seines Interesses und seines Wirkungswillens reicht in den Osten, in die Vergangenheit und ins kirchliche Leben – Mitglied des Präsidium des Kirchentages wurde Thadden keineswegs nur als Sohn seines Vaters. Was alles sich in seinem Fall verbindet zu dem Projekt, dem er lebenslang treu geblieben ist: der historisch unterfütterten Aufklärung der Deutschen über sich selbst und ihre Nachbarn. Thadden gehört zu jener Handvoll von Unentwegten, die in der Zeit der Teilung unermüdlich jene Fragen am Leben erhalten haben, die die „deutsche Frage“ bildeten. Immer im Horizont des deutschen Ostens und seiner Geschichte: nicht als Gegenstand der Nostalgie natürlich, sondern als Thema des produktiven Nachdenkens, der Bewahrung des Verlorenen durch Vergegenwärtigung, der Verpflichtung zu europäischer Verständigung.

Thaddens Wirkung resultiert dabei nicht allein aus den intellektuellen Impulsen, die von ihm ausgingen. Sie lebt nicht zuletzt von seinem liebenswürdigen Temperament, der Leidenschaft seines Engagements und seinem anziehenden Enthusiasmus. Das alles hat seit 1993 seinen Gravitationsort gefunden im Institut für deutsche-französische Zusammenarbeit in Genshagen bei Berlin, das er zusammen mit Brigitte Sauzay leitet. Es ist nur recht und billig, dass er dort an diesem Donnerstag mit einem Empfang, dem ein Kolloquium folgt, seinen 70. Geburtstag begeht. Hermann Rudolph

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