Kultur : "Die Offizierskammer": Grausamkeiten - Was der Krieg anstellt

Tina Heidborn

Vielleicht sieht der Krieg aus wie Adrien Fournier, der junge französische Offizier, dem eine Kugel ein Loch mitten ins Gesicht riss, noch bevor er richtig in den Kampf gezogen war. Fünf Jahre, länger als der Krieg dauert, liegt Adrien, als Held dekoriert, im Krankenzimmer unter seinesgleichen - gesichtslos Gezeichneten. In seinem knapppen Roman "Die Offizierskammer" erzählt der französische Autor Marc Dugain die Geschichte seines Großvaters. Und zeichnet im Abbild der Entstellten die Schrecken des Ersten Weltkriegs nach.

Dies ist ein Antikriegsbuch ohne Schüsse und Schützengräben. Da gibt es den Piloten Pierre Weil, dessen Gesicht an geschmolzenes Karamel erinnert, und den Bretonen Henri Penanster, dem Granatsplitter die Züge zerfetzten. Nüchtern berichtet Adrien sein Schicksal und das seiner Kameraden im Krankensaal, erzählt von ihrer Angst, abstoßend zu wirken, der Sehnsucht nach Frauen, dem Zögern vor der Rückkehr in die französische Zivilgesellschaft. "Die Offizierskammer" ist nicht die große Kriegsabrechnung. Dazu ist der Krieg zu sehr Hintergrund, und dazu wird Adriens Geschichte zu schnell, manchmal fast überblickshaft, erzählt. Vor allem die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg passieren wie im Zeitraffer, angereichert mit einer konstruiert wirkenden Liebesgeschichte. Es sind einzelne Episoden, die im Gedächtnis bleiben, unpathetische Gedanken und Beobachtungen Adriens. In Erinnerung bleiben auch sein Mut und sein Lebenswille. Dugains Erzählung, die in Frankreich gerade mit dem Prix Roger Nimier ausgezeichnet worden ist, ruft zurück, was Krieg bedeutet, indem sie ihm ein individuelles Gesicht gibt.

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