Kultur : Die Oggersheimer Traviata

Aus dem Schattenreich: Die Neuköllner Oper setzt das Leiden der Hannelore Kohl ins „Licht“

Jörg Königsdorf

Natürlich geht es um Hannelore. Auch wenn den ganzen Abend über ihr Name nicht genannt wird, weiß doch jeder, wer die Frau sein soll, die da in ihrem wintergartenartigen Glaskasten herumhetzt wie ein Hamster im Käfig. Die auf der silberfarbenen Seitenwand bereits zahllose Kratzspuren hinterlassen hat. Deren Einsamkeit von beiden Seiten der Bühne dem Publikum schutzlos preisgegeben wird. Für alle, die den Rummel um die neue Kammer-Produktion der Neuköllner Oper verpasst haben, liefert das Libretto schnell die paar nötigen Eckdaten, um den Schatten der Kanzlergattin wachzurufen: Politikerfrau, Lichtallergie, Rheinland-Pfalz und Wolfgangsee.

Das reicht für die Erinnerung an verzerrtes Lächeln auf Staatsempfängen, an ein Gesicht, eingemauert unter Betonfrisur und hinter dunklen Brillengläsern, an die lichtlose Gruft des Oggersheimer Bungalows. Es sind mächtige Bilder, mit denen „Licht" konkurrieren will. Der Erstversuch als gesprochenes Drama, Ende 2001 am Hamburger Thalia-Theater, kam nicht gegen sie an, jetzt also der Text Dea Lohers im Zweitversuch mit dem Gefühlsverstärker Musik. Pfälzische Traviata, sozusagen, dritter Akt: Die Frau, die die große Welt erlebt hat, ist dem Siechtum preisgegeben, hält Lebensrückschau – Addio al passato. Nur Schatten leisten ihr Gesellschaft, kein Helmut schaut vorbei.

Zweifellos, das langsame Sterben der Hannelore Kohl ist ein großer Opernstoff. Und zugleich ein kaum zu bewältigender. Denn nur, wenn es der Musik tatsächlich gelingt, Licht ins Dunkel zu bringen, wird aus dem großen Stoff auch große Oper. Wenn der (zu) späte Moment der Selbsterkenntnis in seiner ganzen Vielschichtigkeit aus Verbitterung, Hoffnung, Erinnerung an genossenes Glück und unausgelebte Sehnsüchte nachfühlbar gemacht wird. Wenn die biografischen Fakten hinter dem exemplarischen Frauenschicksal verblassen.

Es gibt sie tatsächlich, diese Momente, in denen in „Licht" die große Oper greifbar nahe scheint: Wenn die drei Schatten, die wie ein Spiegel die Gedanken der Frau fokussieren oder verzerren, aus ihrem Gewisper ein verschlungenes „O sole mio“ hervortreten lassen – da malt der Komponist Wolfgang Böhmer ein Luftschloss in Bella Italia, wo man keine Sorgen kennt und selbst der Schmerz schön ist. Oder auch jene Szenen nahezu völliger Stille, in denen das Vibrafon, das einzige Instrument der Oper, mit einzelnen, aus dem Nichts geholten Tönen die Tiefe der Vereinsamung auslotet.

Dennoch bleibt es in der Kammerbühne der Neuköllner Oper beim ehrenwerten Versuch, auch wenn der junge Regisseur Boris von Poser die Szenerie ohne große Peinlichkeiten arrangiert und seinem Bühnenbildner Timo Plath mit seinem beunruhigend freischwebenden Glaskasten sogar ein hoch suggestives Bühnenbild gelungen ist. Denn Böhmers Musik bleibt gerade dort blass, wo sie das Innerste nach außen stülpen müsste, begnügt sich mit ariosen Freundlichkeiten, wo die Nerven blank liegen. Unglücklich auch die Besetzung der „Frau": Die Spuren, die Jahrzehnte langes Verstellen in Gesicht und Stimme graben, sucht man bei der jungen Veronika Nickl vergeblich – ihr Lebensüberdruss ist zu frisch, um glaubwürdig zu sein.

Zu klein, zu brav bleibt das alles, um dem Vergleich mit der Tragödie des Vorbilds standzuhalten – geschweige denn, um die Utopie eines besseren Leben, die Vision aller großen Opern, zu träumen. Doch dafür hätte es wohl einen Aribert Reimann gebraucht. Und eine Anja Silja als Hannelore Kohl.

Noch bis zum 8. Oktober

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