Kultur : Die Ohrfeige

Jörg Plath

über den Zusammenhang von Hauen und Sprechen Die vielleicht größte Fähigkeit des Menschen ist die, Zusammenhänge zu suchen. Man kann es auch Sinnstiftung nennen. Im Rückblick verfährt jeder so mit seinem Leben. Dann erweisen sich die aberwitzigsten Umwege, die grotesken Ahnungslosigkeiten und himmelschreienden Irrtümer als notwendig – sonst stünde man ja nicht hier. Schriftsteller sind Zusammenhangsuchekünstler, sie betreiben auf 200, 300 Seiten die große, geistreiche Apologie dessen, was nicht (mehr) zu ändern ist. Michael Schindhelm ist vermutlich sein eigener Zusammenhang. Der Mann, 1960 geboren, hat als Quantenchemiker, Übersetzer, Theaterdirektor, TV-Moderator, Opernlibrettist, Dokumentarfilmer gearbeitet und ist neuerdings erster Generaldirektor der Berliner Opernstiftung. Irgendwie hat Schindhelm auch noch Zeit zum Schreiben gefunden. Sein schon viertes Buch heißt „Die Herausforderung“ (DVA) und schildert den Konflikt zwischen selbstgerechter Mediendemokratie und Privatleben., morgen höchstselbst von Schindhelm in der Literaturwerkstatt (20 Uhr 30) vorgestellt.

„Der Gepäckträger waffelte mir den Hintern“, lautet einer der wunderbaren Sätze in Ralf Rothmanns Roman „Junges Licht“ (Suhrkamp). Der zwölfjährige Julian lebt im Ruhrgebiet, trinkt Sinalco, isst Speisen, die ohne Maggi nicht schmecken, kann eine Roth Händle am Rauch erkennen, wird von Mutter und Vater des Öfteren verprügelt und von der etwas älteren Nachbarstochter magisch angezogen. Der Ich-Erzähler ist so aufgeweckt, dass er vieles sieht, so jung, dass er vieles nur ahnt, und der Autor so souverän, dass er es dabei belässt. Rothmann liest am 11.3. im Literaturhaus (20 Uhr).

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