Kultur : Die Opfer als Täter

Über Ted Honderichs Pamphlet „Nach dem Terror“ ist in Deutschland eine heftige Debatte entbrannt. Der Philosoph unterläuft das Schuldtrauma gegenüber den Juden – mit einer scheinbar perfekten Entlastungsthese

Hellmuth Karasek

Es war ein einziger Gedanke, und es waren zwei ganze Sätze, mit denen Ted Honderichs soeben in der Jubiläums-„edition suhrkamp“ veröffentlichtes und gleich wieder aus dem Verkehr gezogenes Traktat „Nach dem Terror“ für eine skandalöse oder skandalisierte Aufregung sorgte. War die Aufregung, die in eine Hitzewelle und die Ferienzeit Juli/August fiel, ein Sturm im Sommerloch? Etwas, das zu politisch und kulturell bewegteren Tagen kaum für großen Ärger gesorgt hätte? Oder hat sich in dem Publizierungsskandal (den die einen in der Veröffentlichung, die anderen, vor allem der Autor, in deren Rücknahme sehen) etwas Symptomatisches offenbart, das auch in kälteren Monaten gezündet hätte? Stellen wir die Frage einen Augenblick zurück, vielleicht weil sie sich auch durch das beantwortet, was die eine Grundthese ausdrücken will und welche zwei Sätze zum Ärgernis wurden. Und vor allem wo. In welchem Land.

Also: die Grundthese. Sie ist so simpel, sie ist ein solcher Gemeinplatz, dass es unmöglich ist, sich darüber zu streiten, ob sie richtig oder falsch ist. Denn sie ist natürlich beides. Und sie ist natürlich beides auch nicht. Sie besagt, dass jeder einzelne von uns dazu beiträgt, dass die Welt immer elender, widersprüchlicher, auswegloser wird. Das gilt für uns, die wir in der Ersten, in der kapitalistischen, aber der „falschen“ Welt leben – und laut Adorno kann es kein richtiges Leben im falschen geben.

Also wird jeder Sprung in den Pool, jedes Schnäppchen beim Schlussverkauf, jede Jet-Reise in die Ferien, jede importierte Ananas und jeder neue Couchtisch zum Schlag gegen die Armen, gegen die Dritte Welt, gegen die Unterdrückten. Dieser Gedanke ist wahrlich nicht neu. Fanon hat ihn formuliert, und Marcuse. Und er bildete zum Beispiel die „Theorie“ (so es eine gab) für den deutschen Baader-Meinhof-Terrorismus. Weil es uns so gut geht, weil wir deshalb so viel repressive Toleranz ausüben können, verelendet der Rest der Welt. Und das kann nur aufhören, indem wir die faschistische, die imperialistische Kehrseite unseres demokratischen Wohlstands ans Tageslicht bomben und morden.

Diesen simpel abscheulichen Gedanken, der auf seine moralische Unterfütterung sehr stolz war (ich kann den deutschen Generalstaatsanwalt ermorden, weil dessen und zugleich mein System unschuldige Kinder in Afrika, Südamerika, Malaysia, Vietnam ermordet), diese simple Idee hat Honderich, der protestantischen anglikanischen Grüblersekten entstammt wie der Terrorismus hierzulande der Mischung aus Marxismus und Pietismus, auf den 11. September übertragen. Sind wir nicht alle schuld an dem grässlichen Fall der World-Trade-Türme? Müssen wir nicht unser Leben ändern, damit nicht weitere Türme, schrecklich- wie notwendigerweise, fallen?

Jürgen Habermas, der sich viel darauf zu Gute hält, dass er im alten Europa und als alter Verfassungspatriot edler philosophieren und soziologisieren kann, als es die Amerikaner tun, las das Buch, als er in den USA weilte und sich – nach eigenem Bekunden – mächtig über den dortigen martialischen Hurra- und Jetzt-erst-recht!-Patriotismus ärgerte. Ätsch, dachte er, da kann ich diesen hemdsärmligen Amis eins auswischen, indem ich ihnen auch noch in deutscher Übersetzung ein „hemdsärmliges“ (so sein Urteil) Pamphlet entgegensetze. Als Aufsichtsführender beim Suhrkamp Verlag fiel sein Rat auf fruchtbaren Boden, obwohl Habermas in vorauseilender Vorfreude, wie gut das Buch in Deutschland in die antiamerikanische Stimmung passen würde, offenbar gar nicht mehr richtig weiterlas.

Jedenfalls hat er jetzt, nachdem das Porzellan zerdeppert war, das Buch auf seine Empfehlung erschienen und auf die Vorhaltungen von Professor Micha Brumlik (auch er im Aufsichts- und Beratungsgremium von Suhrkamp) wieder aus dem Verkehr gezogen war, zugegeben, dass er „aufstöhnen“ musste, als er den Satz las: „Als Hauptopfer von Rassismus in der Geschichte scheinen die Juden von ihren Peinigern gelernt zu haben.“ Hatte er den Satz vorher überhaupt nicht gelesen? Hatte er ihn auf Englisch anders gelesen? Und liest er sich in Deutschland anders? Darauf kommen wir noch.

Dies war einer der beiden Sätze, mit denen das Buch – in Deutschland – auf verheerende Weise Furore machte, nachdem Brumlik der Katze die Schelle umgehängt hatte. Denn, in der Tat, der Satz ist antisemitisch, antizionistisch, denn er sagt, dass die Juden mit den Palästinensern nichts anderes anstellen als die Deutschen mit den Juden.

Der zweite Satz folgt diesem ersten mit erbarmungsloser Logik. Er steht auf Seite 236 und heißt schlicht: „Ich für meinen Teil habe keinen ernsthaften Zweifel, um den prominenten Fall zu nehmen, dass die Palästinenser mit ihrem Terrorismus gegen die Israelis ein moralisches Recht ausgeübt haben.“ Punkt. Honderich hat diesen Gedanken dann noch in einer Fußnote bekräftigt und auf Zusatzargumente verwiesen, die er auf der Website vorgetragen habe. Mit dem Fußnotenkommentar: „Meinem Glauben an das moralische Recht der Palästinenser hat das keinen Abbruch getan; er ist eher größer geworden.“

Dieser Glaube ist in der Wertegemeinschaft, in der der britische Gelehrte Ted Honderich wie auch wir leben, ziemlich ungeheuerlich. Und ich halte mir einen Augenblick vor Augen, dass der soeben in Jakarta zum Tode verurteilte Amrozi vor Gericht sagte, er habe Weiße im Namen Allahs getötet, weil er die Amerikaner hasse. Da alles, wie Honderich in seiner Grundthese formuliert, mit allem zusammenhängt, ist jeder wahnwitzige Massenmörder im Flugzeug, im Bus, in der Moschee moralisch gerechtfertigt – wenn er nur sagt, er habe das gegen Israel getan, wie es alle Al-Qaida-Täter überzeugend beschwören.

Wo alles mit allem schuldhaft verbunden ist, darf jeder mit Sprengsätzen und Selbstmordattentaten alles dagegen tun. Man nennt dergleichen ein moralisches Wahnsyste –und wenn das kein Antisemitismus ist, dann muss der Antisemitismus noch erfunden werden. Professor Honderich und Professor Habermas, die all das in ihrem fröhlichen Antiamerikanismus übersehen haben müssen und die die alten Klippschul-Verse „Kapitalismus böse – Terrorismus gerechte Antwort“ lieben und nachplappern, haben beide auf geradezu entwaffnende Weise ad hominem geantwortet. Habermas, indem er sagte, er könne kein antisemitisches Buch zum Abdruck bei Suhrkamp empfohlen haben, denn er habe ja, das sei bekannt, bei Suhrkamp von der Veröffentlichung des als antisemitisch geltenden Schmökers von Martin Walser („Tod eines Kritikers“) abgeraten. Und, noch schöner, Honderich: Er könne gar kein Antisemit sein, er habe einen jüdischen Schwiegersohn.

Allerdings reagierte der britische Pamphletist zunächst – in dem Artikel, der den Besuch eines Redakteurs der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bei dem Gelehrten schildert – nachdenklich, als er darauf angesprochen wurde, ob die Dinge sich in Deutschland anders darstellten. Dann aber sagte er: „Es ist kein gutes Omen für die Zukunft, dass ein philosophisches Buch (in Deutschland) verboten wird.“ Womit er die Tatsachen verkennt, denn das Buch wird ja nicht verboten, es kann jederzeit bei einem anderen Verlag erscheinen. Der Suhrkamp- Verlag zieht es nur zurück, um weiteren Schaden von seinem nach Siegfried Unselds Tod ramponierten Ruf abzuwenden. Allerdings um den hohen Preis, dass das Vertrauen in die Sorgfalt der bisherigen Lektoratsarbeit schwer getrübt erscheint – schon die verlegene Rücknahme der schon fertigen Bloch-Biografie war ein Alarmsignal aus dieser Richtung.

Aber in einem Punkt hat Honderich nicht so unrecht. Der in Deutschland als deutliche Strömung vorhandene latente Antisemitismus hat sich wegen der furchtbaren Verbrechen der Vergangenheit in Adern geflüchtet, die das Licht der Öffentlichkeit weniger zu scheuen brauchen als nackter, brutaler Antisemitismus nach Auschwitz, der ein Tabu-Bruch wäre.

So hat es seit 1968 einen sich immer stärker artikulierenden Antizionismus gegeben – an den Grünen Ströbele sei hier erinnert –, der die Opferrolle der Palästinenser geradezu brünstig und ebenso heftig beschwört wie die anklägerischen Vorwürfe gegen das Vorgehen Israels. Unser beschädigtes Unterbewusstsein, der gekränkte National-Narzissmus lechzt geradezu aus Entlastungssgründen danach, die ehemaligen Opfer zu heutigen Tätern umzuformen – wie es Honderich in schöner Offenheit und britischer Unschuld scheinbar darf.

Da hilft es auch nichts, auf die historischen Abläufe hinzuweisen: dass es, erstens, auf dem Boden, wo heute Israel steht, nie einen Palästinenserstaat gegeben hat, sondern, wie anderswo, europäische Protektorate und Kolonien. Dass zweitens Israel von seinen arabischen und mohammedanischen Nachbarn mit Kriegen überzogen wurde, die seine Auslöschung vorsahen. Und dass das nur an der militärischen Unfähigkeit scheiterte, die aus der Korruption der arabischen Staatensysteme resultierte. Dass der Terror die heimtückische Antwort der unterlegenen Machtcliquen war, deren zynische Ziele Bin Laden in schöner Offenheit immer wieder auf Tonbändern artikuliert. Dass Israel in diesen barbarischen Auseinandersetzungen (die islamischen Gegner wollen immer noch seine Existenz vernichten, nicht weniger, nicht mehr, und alle Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen haben sich als taktische Manöver zum Atemholen blamiert) versucht, wenigstens noch das Kriegsrecht aufrechtzuerhalten – dessen Folgen zugegebenermaßen schrecklich genug sind.

Die World-Trade-Center-Türme stürzten, so versucht Honderich die Täter und vor allem die Anstifter zu verstehen, weil sie die Hybris des Kapitalismus symbolisierten. Wenn das so wäre, hätten wir Hoffnung: Die beiden höchsten Türme der Welt stehen in Kuala Lumpur und in Hongkong, der sogenannten unterdrückten Dritten Welt. Das Bankhaus der chinesischen Bank wurde von der Volksrepublik China in den Himmel gezogen, als Großbritannien die Kronkolonie an China zurückgegeben hatte.

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