Kultur : Die Opfer sangen mit

Violinist Stefan Arzberger über die bewegende Japantournee mit dem Leipziger Streichquartett

Foto: Leipziquartett
Foto: Leipziquartett

Herr Arzberger, Sie haben eine Woche lang mit dem Leipziger Streichquartett in Nord-Japan gastiert, in Turnhallen und Tempeln, vor Opfern des Erdbebens.

Es sind so ungeheuer viele Eindrücke auf uns eingestürmt, die müssen erst einmal verarbeitet sein. Im Moment fühlen wir uns noch wie in einem Teilchenbeschleuniger.

Inwieweit waren Sie vorbereitet auf das, was Sie gesehen haben?

Gar nicht. Natürlich haben wir uns informiert, aber die Bilder, die wir sahen, übersteigen jede Vorstellungskraft. Wenn man vor diesen Schutthalden steht, Schiffe sieht, die kilometerweit im Land liegen, Autos wie aus Stanniolpapier ... Und wie das Publikum in Wataricho die „Loreley“ mitgesungen hat.

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …“: Macht es sich die westliche Wahrnehmung zu leicht, wenn sie die Reaktorhavarie derart in den Vordergrund rückt?

Das würde ich nicht sagen. Wir haben es mit drei Katastrophen zu tun haben: Erdbeben, Tsunami, Fukushima.

Haben Sie das Gefühl gehabt, das kommt alles wieder in Ordnung?

Man hofft es. Und die Effektivität, mit der aufgeräumt wird, ist bewundernswert. Da wurde ein riesiger Recyclinghof geschaffen: Autowracks links, Schiffe in der Mitte, Autoreifen rechts und der restliche Müll auf bis 25 Meter hohen Halden. Niemand aber glaubt, jetzt müssen wir nur in die Hände spucken, dann wird schon alles wieder gut. Es wird nie wieder so sein wie vor dem 11. März. Das wissen die Menschen.

Wo halten sich die Bewohner auf?

Zum einen sind sie noch da. Die meisten wollen nicht weg. Das sind sehr intakte Dorf- und Lebensgemeinschaften, wie wir sie gar nicht mehr kennen. Manche haben bei Verwandten Unterschlupf gefunden, viele in Notunterkünften. Die Japaner sind ein sehr solidarisches Volk. Und sie entdecken offenbar das Metaphysische. Das haben uns die Äbte in den Tempeln, die wir besucht haben, erzählt.

Gilt das auch für die Musik?

Die Menschen sind sehr empfänglich für Gesten der Freundschaft, für Trost.

Wie musiziert es sich mit solchen Bildern und Eindrücken im Kopf?

Die Musik gewinnt einen Tiefgang, den man nicht für möglich gehalten hätte. Ich will nicht sagen, die Katastrophe bringt große Kunst hervor. Aber man versucht, so schön zu spielen wie möglich, ganz gleich, wie es einem selber geht.

Die Bayerische Staatsoper plant, im Herbst nach Tokio zu fahren? Teile des Ensembles weigern sich aber, an der Reise teilzunehmen. Auch die Reaktionen auf Ihre Aktion waren nicht nur positiv.

Das hat uns zugesetzt. Von wegen das sei eine Profilierungsnummer des Quartetts, Streikbrecherei. Wir sollten uns für etwas rechtfertigen, was wir aus tiefstem Herzen getan haben. Ein scheußliches Gefühl. Ich bin selber lange genug im Orchester gesessen, um zu wissen, wie eine Stimmung geschürt wird. Natürlich kann man mit einem Quartett schneller und flexibler reagieren als mit einem Symphonieorchester.

Was sind Ihre nächsten Japanpläne?

Wir wollen ein bestimmtes Projekt vor Ort fördern.

Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey.

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