Kultur : Die Opfertäterin

Eine Sensation: Mit Elfriede Jelinek wird die deutschsprachige Literatur fünf Jahre nach Günter Grass wieder geehrt

Peter von Becker

Als sie gestern Vormittag vorab die Nachricht aus Stockholm erhielt, war das für die neue Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem Haus in den Hügeln am Rande Wiens ein freudiger Schock. Zugleich, sagt sie, mischt sich darein eine erste „Verzweiflung“. Vor sechs Jahren hatten wir am Tag, an dem ihr der Büchner-Preis zuerkannt wurde, miteinander gesprochen. Und da war ihre Reaktion noch ungetrübtere Freude. Der Patron Büchner, dieser Poet und melancholische Revolutionär, machte sie als Nachfahrin stolz. Das Wort „Nobel“, ob mit Dynamit oder Adel assoziiert, ist Elfriede Jelinek dagegen sehr fremd.

Die in wenigen Tagen 58-jährige österreichische Erzählerin und Dramatikerin ließ sich früher gerne mit Zigarillo, hochgesteckter Frisur, tollem Make-up und hochstylish gedresst fotografieren. Schon diese Pose war eher ein Schutz. Und eine symbolische Gegenwehr gegen die Herrschaft mächtiger Manns-Bilder. Von ihrer Landsmännin Sigrid Löffler wurde Jelinek einst (voll Bewunderung) als „kälteste und erbarmungsloseste Moralistin Österreichs“ bezeichnet.

Aber sie selbst ist eine ganz andere. Ein fragiler, blasshäutiger, überaus zarter Mensch. Der mit sanfter Stimme spricht, klug, bedacht, mit selbstbewusster Uneitelkeit. Massen und öffentliches Aufsehen entsetzen sie, auch wenn sie in ihrem Schreiben – das wie bei allen sorgsamen Stilisten ein kaltköpfiges ist – die Reibung mit einer gebrechlichen oder bisweilen gar verbrecherischen Mitwelt sucht. Dem notorischen Nobeltrubel will sie nun entgehen. Sie wird im Dezember nicht zur Preisverleihung nach Stockholm kommen und ihren Dank, der sich bei ihr mit der Scham darüber mischt, welche Schriftsteller diese Auszeichnung nie bekommen haben, verlesen lassen. Wie Sartre den Preis aber abzulehnen, käme ihr vermutlich zu undankbar, zu sehr „männlich“ gespreizt und ein bisschen größenwahnsinnig vor.

Freilich ist dieser Literaturnobelpreis eine Sensation. Nicht einfach nur eine jener Überraschungen, für die das Stockholmer Nobelkomitee schon traditionell berühmt berüchtigt ist. Elfriede Jelinek, hatte überhaupt niemand auf der Rechnung. Seit 1996, seit der damals schon betagten polnischen Lyrikerin Wislawa Szymborska, war zwar keine Frau mehr mit dem wichtigsten Literaturpreis ausgezeichnet worden – das schien die Chancen des ewigen Favoriten Philip Roth aus Amerika zu schmälern. Aber den unberechenbaren nordischen Nobelgreisen hatte man eher wieder einen politisch korrekten Gestus und die Wahl einer uns nicht ganz so bekannten arabischen oder asiatischen Lyrikerin und Frauenrechtlerin zugetraut.

Dennoch ist die Entscheidung für Elfriede Jelinek alles andere als unpolitisch. Das Komitee spricht in seiner Begründung vom „Widerstand gegen klassenbedingte Ungerechtigkeit und geschlechtliche Unterdrückung“. Es heißt: „Jelinek hat Österreich mit leidenschaftlicher Wut gegeißelt“, und von „grundlegender Zivilisationskritik“ ist auch die Rede. Hinter diesen starken Floskeln verblasst dann fast, dass die erste und einzige Nobel-Auszeichnung für eine deutschsprachige Schriftstellerin seit dem Preis 1966 für die exilierte jüdische Lyrikerin Nelly Sachs auch diesmal einer ungewöhnlichen Dichterin gilt.

Die allgemeine Verblüffung liegt eher darin: Fünf Jahre nach Günter Grass gleich wieder der höchste Lorbeer für die nicht immer ganz weltläufige deutschsprachige Literatur! Und dann für eine Wiener Autorin, die als Lieblingsfeindin der österreichischen Rechten manchen auch stark verkeilt in eine austriakisch-alpenländische Hinter-Männer-Welt erscheint – so, als sei Elfriede Jelinek auf der internationalen Literaturszene nur ein hochbegabter und häufig skandalisierter Spezialfall.

Diese Einschätzung, die sich vor allem in der deutschen Literatur- und Theaterkritik teils als kniefällige, hymnische Vorwärtsverteidigung der Autorin, teils als sarkastisches Ressentiment gegenüber Jelinek entlädt, übersieht: dass Elfriede Jelinek immer über die größten Weltthemen geschrieben hat – über Krieg und Frieden in der Familie und zwischen Mann und Frau, über Sex, Gewalt und Tod. Auch wenn das (wie fast alle Weltliteratur) häufig im österreichisch Provinziellen angesiedelt ist, erzählt Jelinek doch, mit Canetti gesprochen, von der „Provinz des Menschen“.

Manches ist dabei, naturgemäß, auch autobiographisch grundiert, aber nie als aufdringliche Ich-Sage. Sie stammt aus einer wohlsituierten Bürgerfamilie mit slawischen und teils jüdischen Vorfahren, mit einem halb wahnsinnig gestorbenen Vater und einer lebenslang „dämonischen, tyrannischen“ Mutter, wie sie selber sagt. Aber sie hat, privat zwischen München (wo sie mit einem Informatiker lose, doch unverbrüchlich verheiratet ist) und Wien pendelnd, ihre unlängst mit über 90 verstorbene Mutter in der gemeinsamen Wohnung betreut. Treue, Verstrickung und Aufbegehren mischen sich da mit einem zweiten persönlichen Lebensmotiv: dem Schmerz und der durchaus masochistischen Schmerzlust.

Das zeigt sich am stärksten in Jelineks großem, mit Isabelle Huppert auch großartig verfilmten Roman „Die Klavierspielerin“ (von 1983). In der Geschichte einer sich selbst und ihren Lieblingsschüler malträtierenden Musikerin spiegeln sich poetisch verfremdet doch Jelineks eigene Erfahrungen als frühbegabte, von der Mutter, einer selbst unterdrückten künstlerischen Begabung, mit 13 Jahren aufs Konservatorium geschickten Pianistin. Die später in einem Akt der Befreiung zur Schriftstellerin wird und auf dem Theater ab Ende der Siebzigerjahre mit einem weiblichen Ausbruchsdrama (einer „Nora“-Variation) und einer Komponistinnen-Tragödie debütiert („Clara S.“ alias Schumann).

Männer und Frauen. In ihrem Skandal-Bestseller „Lust“(1989), in der thematischen Fortsetzung „Gier“ oder in der theatralischen Sex-Porno-Farce „Raststätte oder Sie machen’s alle“ (1994), einer bis in die Klomuschel gespielten, gespülten bitter komischen Übersetzung von Mozarts „Cosi fan tutte“ – immer sind Frauen die gleichermaßen geilen wie gedemütigten Opfer (und Opfertäterinnen) gegenüber tierisch dumpfen Männern. Aber Jelinek stellt die obszöne Gewalt nie in simplen, spekulativen Abbildungen dar, sondern verlegt sie – wie vorher nur der Wortkünstler Arno Schmidt – in die Sprache selbst: Sie erfindet Wendungen, Sätze, ja eine poetische Grammatik der schaurigen, kältesten Gier, in der eben noch jeder vermeintlich harmloseste Hügel, jede Muschel, jede Spitze, Spritze und jeder Stab mehrdeutig wird und der Subtext sich mit dem Haupttext in eins: verdichtet.

So meint auch ihr Stück „Totenauberg“, das eigentlich kein Stück, sondern eine rollenlose Wortlandschaft ist, nicht nur des Philosophen Heideggers gleichnamiges Schwarzwalddomizil: Sondern wortwörtlich die braune, schwarze Berglandschaft der Nazitoten und des Opferschmerzes. Nicht eigentlich die Inhalte, die erfundene und erfüllte Form ist Jelineks Botschaft.

Wie zuvor Thomas Bernhard hält sie den Österreichern (und Deutschen) mit unbeirrbarer Kunst und Trauer vor, dass sie – so ihr Romantitel – „Die Kinder der Toten“ (und der Mörder) sind. Dafür ist sie zu ehren.

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