Kultur : Die Ordnung und das Abenteuer

HARALD MARTENSTEIN

"Endlich werden die Zauberstäbe ausgepackt." (Gerd Rubenbauer, Sportreporter, beim Spiel Deutschland-Nordirland, 1996)

Solche Einlassungen kann man auf der Gerd-Rubenbauer-Homepage finden, die hartgesottene Rubenbauer-Fans im Internet eingerichtet haben.In den nächsten Wochen werden sich wieder alle über die Fußball-

Reporter lustigmachen.Das ist ein ein bißchen ungerecht, aber es gehört zum Ritual einer Fußball-Weltmeisterschaft.Leute, die es nicht gewohnt sind, sitzen bei Fußball-Weltmeisterschaften öfter vorm Fernseher, als ihnen guttut.

"In Schönheit sterben kann auf die Dauer tödlich sein." (Werner Hansch, Fußball-Reporter)

In Werner Hansch ist die Leidenschaft Wort geworden.Dabei sieht er aus, wie man sich einen Studienrat für Englisch und Geographie vorstellt.Kariertes Jacket, weißer Schnurrbart.Werner Hansch hat sein erstes Fußballspiel erst mit 35 Jahren gesehen, 1973.Er war damals immer noch Student, und verdiente sich sein Geld als Sprecher auf Trabrennbahnen.Seinen heutigen Beruf nennt er: Singvogel.Leute wie er sind die modernen Nachfolger der Kinoerzähler.Oder geht es noch weiter zurück, zu den Mythendichtern? Ist Hansch nicht ein bißchen wie Homer?

Die Fußball-Reporter sind heute schlechter als früher, hört man oft.Wahrscheinlich hat jedes Volk nur einen begrenzten Vorrat an guten Fußball-Moderatoren, so, wie es ja auch nicht unbegrenzt viele begnadete Violinistinnen gibt.Die Vielfalt der Sender hat dazu geführt, daß die wenigen Talente sich weit in der Landschaft verteilen.Und Heribert Fassbender, der Gebieter über den ARD-Sport, ein bestenfalls mittleres Talent, hat den Ruf, gute junge Reporter oder gute Regisseure gnadenlos wegzubeißen.Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich die Fußball-Weltmeisterschaften gesichert.Das bedeutet: weniger Werbepausen, aber die schlechteren Reporter.Hansch zum Beispiel ist bei SAT 1.

"Beim âHamletÔ weiß ich vorher, wieÕs ausgeht, egal, wie die Inszenierung ist.Beim Fußball weiß ich es nicht." (Leander Haußmann, Theaterregisseur)

Die Leute gucken Fußball, weil Fußball ein Drama ist.Das sehen sogar Frauen ein.Fußball besteht aus Freude, Leid, Wut.Aus jenen Emotionen, die wir im wohltemperierten Alltag (und im Theater, und im Kino) bisweilen vermissen.Welcher Romancier bietet uns heutzutage noch eindeutige Schurken oder eindeutige Helden? Stephen King vielleicht, aber der schreibt immer das gleiche.

Die Frage ist, wie man das inszeniert.In Duisburg gab es dazu am Wochenende die Tagung "Fußball wie noch nie", veranstaltet von der "dokumentarfilminitiative", die zum Filmbüro Nordrhein-Westfalen gehört.Man analysierte Fußball-Reportagen von einst und jetzt, zum Beispiel Juventus Turin gegen Borussia Dortmund, das Europapokal-Finale von 1997, Reporter: Marcel Reif.Oder Deutschland-Jugoslawien, ein Dauerbrenner, diesmal die 0:1-Niederlage der Deutschen bei der WM 1962.Damals waren sich die Spieler noch nicht bewußt, daß sie gefilmt wurden.Der Spieler Schnellinger simuliert nach einem gegnerischen Foul gräßliche Qualen.Sobald der Schiedsrichter nicht mehr hinschaut, ist Schnellinger sofort wieder wohlauf.Heute spielen die Gefoulten für die Kamera weiter.Einer der besten Schauspieler der Welt heißt Köpke und steht für die Deutschen im Tor.Köpkes Kollege Jürgen Rollmann, früherer Bundesliga-Torwart bei Werder Bremen und beim MSV Duisburg, meint sinngemäß: Klar, Köpke ist großartig.Aber er inszeniert seine Super-Paraden auch bei den leichtesten Bällen.

RTL hat das Turin-Spiel mit 23 Kameras übertragen.Es gab einen Kran, Schienen neben dem Spielfeld, zwei Kameras befanden sich in den beiden Toren.Andere Kameras waren auf die beiden Trainer oder auf prominente Zuschauer gerichtet.Dieser Aufwand ist mit dem eines Spielfilms vergleichbar.Auch die Inszenierung schmiegt sich an die Konventionen des Spielfilms an.Reif und sein Regisseur Volker Weicker variieren zwischen einer Vielzahl von Einstellungen, sie dynamisieren, sie entscheiden sich für Helden und für Schurken, sie besetzen auch Nebenrollen sorgfältig.Das inszenierte Spiel, das Fernsehereignis, hat mit dem realen Spiel, das die Zuschauer im Stadion erleben, so wenig zu tun wie ein Fernsehkrimi mit der realen Mordkommission.

Als das Farbfernsehen aufkam, wurden auf dem Platz die roten und die gelben Karten eingeführt.Fußball, sagt der Kölner Medienwissenschaftler Dietrich Leder, ist ein Halbprodukt.Er wird vom Fernsehen veredelt, zum Endprodukt "Fernsehfußball".Fußball ist das Erdöl, Fernsehen ist die Raffinerie.Was wir kriegen, ist das Benzin.Der nächste Schritt wird "Virtual Reality" heißen, dann können auch strittige Szenen, die von der Kamera nicht eingefangen wurden, perfekt simuliert werden.Dank Virtual Reality weiß man jetzt, daß das dritte Tor von Wembley 1966, der umstrittenste Treffer der Fußballgeschichte, drin war.Bundespräsident Lübke, vielgescholten, hatte es ziemlich richtig gesehen.Nichts gegen Lübke.

Es gibt keinen einzigen wirklich guten Kino-Spielfilm über Fußball.Fernsehen ist besser, live ist besser.Nur aus einem schlappen 0:0 kann sogar RTL kein Drama herstellen.

"Beim rechten Fußball wird viel von Opfern und Arbeit geredet.Er wirft einen Blick nur auf das ResultatÉ Der linke Fußball aber feiert die Intelligenz, er schaut auf die Mittel, mit denen das Ziel erreicht wird.Er möchte ein Fest feiern." (Cesar Luis Menotti, Trainer der argentinischen WM-Sieger von 1978)

Also spielen die Deutschen rechten Fußball, und die Brasilianer sind eher links.Aber Herr Menotti macht es sich da ein bißchen einfach.Er definiert "guten" Fußball, und sagt: So, liebe Leser, das nenne ich links.Schlechter Fußball ist für mich rechts.Nach der gleichen Logik werden gute Boxer, Muhammad Ali vor allem, zu linken Boxern erklärt.Ein Linker hält alles Schöne für tendenziell links; alles Unschöne hält er für rechts.Marilyn Monroe ist links.Vereiterte Weisheitszähne sind rechts.

Erster Grundwiderspruch des Fußballs: Manchmal gewinnt die schlechtere Mannschaft.In einem Aufsatz für das "SZ-Magazin" schreibt Menotti auch, daß guter Fußball aus zwei Grundelelementen besteht, Ordnung und Abenteuer.Die afrikanischen Teams hatten bisher wenig Erfolg, obwohl sie schön spielen.Die Ordnung fehlte.Den Deutschen fehlen oft die Abenteurer.

"Den größten Teil meines Geldes habe ich in schnelle Autos und schöne Frauen angelegt.Den Rest habe ich sinnlos verprasst." (George Best, englischer Fußball-Star, ein Genie)

Zweiter Grundwiderspruch: Fußball ist ein Mannschaftssport und lebt von Stars.Die Stars sind beliebter als die Trainer, sie verdienen mehr, trotzdem sollen sie klaglos das machen, was ihr Trainer ihnen sagt.Der Filmtheoretiker Werner Ruzicka beschrieb in Duisburg, wie Berti Vogts die deutsche Mannschaft in eine Maschine zu verwandeln versucht.Vogts entindividualisiert die Spieler.Er sagt über sie: Das ist "ein" Jeremies, "ein" Möller, "ein" Matthäus.Er achtet darauf, daß er für jede Position zwei gleichwertige, fügsame, jederzeit austauschbare Personen zur Verfügung hat.Nicht nur die Gemüter, sogar die Körper der Spieler ähneln sich wie ein Ersatzteil dem anderen.Die bulligen, dicken Typen, wie Gerd Müller oder Helmut Rahn, es gibt sie nicht mehr.Biertrinker, Raucher, Exzentriker: raus! Der geniale Spieler hat keine Chance, sofern er Körper und Charakter nicht bedingungslos anpasst.Die deutsche Mannschaft besteht aus perfekten modernen Arbeitnehmern, auf nichts festgelegt, so, wie es der amerikanische Soziologe Richard Sennett in seinem Buch "Der flexible Mensch" beschrieben hat: "Es gibt keine Pfade mehr, denen Menschen in ihrem Berufsleben folgen können."

Berti Vogts tut das deshalb, weil die Spieler verletzungsanfälliger sind als früher.Sie spielen viel öfter, sie gehen folglich öfter kaputt.Ein hohes Risiko für alle Mannschaften, die sich auf einen einzelnen, genialen Spielmacher verlassen, auf ein unverwechselbares Individuum.

Ergebnis einer Fachtagung: Berti Vogts geht auf Nummer sicher.Sollen wir etwa darüber meckern? Er macht es genauso wie die meisten von uns.Egal, was in den nächsten Wochen passiert, es geschieht uns recht.

"Wir sind nicht frauenfeindlich.Aber wir haben ein Ziel vor Augen." (Berti Vogts)

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