Kultur : Die Originalklang-Bewegung setzt auf den zarten, hellen Klang der Klavier-Veteranen

Jörg Königsdorf

Er sieht anders aus, er ist nur ein Drittel so schwer und er klingt vor allem ganz anders: Mit dem heutigen Standard-Konzertflügel der Marke Steinway hat das Hammerklavier etwa so viel gemeinsam wie ein Oldtimer mit einem Formel-1-Rennwagen. Jahrzehnte lang waren die filigranen Instrumente der Firmen Erard, Pleyel, Stein und Broadwood fast nur in alten Herrenhäusern und Musikinstrumenten-Museen zu bewundern. Im Zuge der Originalklang-Bewegung der Harnoncourts und Gardiners haben sie wieder das Interesse von Publikum und Pianisten geweckt. Trotzdem sind Hammerflügel-Abende immer noch eine Rarität, auch weil der feine, helle Klang sich kaum in einem großen Konzertsaal und gegen ein großes Orchester behaupten kann.

Denn in puncto Lautstärke ist das Hammerklavier dem modernen stahlgerahmten Flügel heillos unterlegen - im knapp hundert Plätze fassenden Saal der Friedenauer Kammerkonzerte in der Isoldestraße ist er dagegen genau richtig aufgehoben. Die seit einigen Monaten wieder aufgelebte Reihe widmet die nächsten Konzerte dem Hammerflügel und Kompositionen, die in dessen Blütezeit entstanden sind. Fast bei jedem Werk von Haydn bis Chopin führt der Hörkontakt via Hammerflügel zu Aha-Erlebnissen, werden durch die klaren, trockenen Basstöne Strukturen deutlicher, klingen Verzierungen in den hohen Tönen noch ein Mal so zerbrechlich und filigran wie auf einem Steinway. Selbst einer der abgenudelsten Klassiker der Musikgeschichte, Beethovens "Appassionata" wird im neualten Klangkostüm zum Hörerlebnis. Der israelische Pianist Zvi Meniker spielt das Stück, sowie allerlei Mendelssohn und Chopin (13. 11.).

Menikers Instrument stammt schon aus der Spätphase des Hammerflügel-Baus, kurz bevor für den als notorischen Flügel-Zerdrescher gefürchteten Franz Liszt der erste moderne Bechstein erfunden wurde. Gegenüber diesem Erard-Klavier von 1850 ist das Klavier der Mozart-Zeit, das Christine Schornsheim eine Woche später vorstellen wird, ein echtes Fliegengewicht, das noch halb zu seinem direkten Vorfahr, dem Cembalo zurückschielt (20.11.).

Erweitert wird die Berliner Hammerflügel-Initiative durch zwei Veranstaltungen im Konzerthaus: Mit Alexej Lubimov gastiert einer der weltweit wichtigsten Spezial-Pianisten (12.11.). Lubimov ist einer der wenigen Pianisten, die sich nicht auf den Zeitradius des Hammerflügels beschränken, und hat immer auch zeitgenössische Klaviermusik gespielt. Bei seinem Recital im Kleinen Saal des Konzerthauses steht allerdings ausschließlich Chopin auf dem Programm (u. a. die vier Balladen), eingedenk des 150. Todestages des Meisters im vergangenen Oktober.

Wer will, kann am Beispiel von Chopins erstem Klavierkonzert sogar den Direktvergleich zwischen Hammerklavier und Steinway anstellen: Während von Sonnabend bis Montag die russische Pianistin Elisabeth Leonskaja das Stück mit dem Berliner Sinfonie-Orchester unter seinem Ex-Chefdirigenten Michael Schønwandt auf "konventionelle" Weise interpretieren wird (Konzerthaus, 13.-15.11.), stellen Zvi Meniker und die Akademie für Alte Musik das 1830 entstandene Werk am Donnerstag und Freitag in der "authentischen" Version mit Originalinstrumenten vor (Konzerthaus, 18. u. 19. 11.).

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