Die Oscars 2013 : Der Preis für das beste Vaterland geht an...

Patriotismus statt kritischer Stellungnahme: Mit "Argo" gewinnt das harmloseste Historiendrama den Oscar für den besten Film. Den Academy Awards fehlt es an Mut. Zu Bushs Zeiten war das noch anders.

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First Lady Michelle Obama vergibt den Oscar 2013 für den besten Film an "Argo".
First Lady Michelle Obama vergibt den Oscar 2013 für den besten Film an "Argo".Foto: AFP

Ein Coup, keine Frage. Aber ein verdammt staatsnaher Coup war das am Ende der länglichen Oscar-Nacht, als plötzlich Michelle Obama per Live-Schalte unterm Himmel des Dolby Theaters in Los Angeles erschien. Die First Lady also, keine Geringere, sollte den Umschlag mit dem Gewinner der Königskategorie öffnen und der grundsätzlich besonders staatsfernen Kultur Hollywoods ihren präsidialen Segen geben. Doch es ist noch einmal gut gegangen.

Denn erstens war Barack Obama himself offenbar strategisch verhindert. Und zweitens holte den Oscar für den besten Film nicht, wie lange Zeit erwartet, Steven Spielbergs 12-Mal nominierter "Lincoln". Denn was für ein hyperpatriotisches, um nicht zu sagen: propagandistisch staatskünstlerisches Bild hätte das abgegeben, wenn Mr. President dem Film über den amerikanischen Überpräsidenten Abraham Lincoln den Sieg zugesprochen hätte? Da hätte er gleich am Montag noch Steven Spielberg zum Heimatschutzminister ernennen müssen. Spielberg selber darf als Hauptverlierer dieser 85. Oscarnacht gelten, konnte er doch aus seinem Nominierungsdutzend nur zwei Oscars herausholen - immerhin bleibt er damit hinter jenem Mega-Flop von 1985 zurück, als er nach elf Nominierungen für "Die Farbe Lila" leer ausging.

Das Weiße Haus dürfte allerdings auch mit Ben Afflecks nach allerlei kurz vor den Oscars noch eilig herabregnenden Berufsspartenpreisen Nicht-mehr-ganz-Überraschungssieger "Argo" gut leben können. Denn die knapp 6000 abstimmungsberechtigten Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences haben sich für den saubersten, harmlosesten unter den vier konkurrierenden Polithistorienfilmen entschieden. Oder genauer: für den verharmlosendsten. Ben Afflecks "Argo" über ein CIA-Schelmenstück während der Geiselnahme von Teheran 1980 rührt an nichts, was Amerikanern bis heute wehtun müsste. Erst recht an nichts, das Selbstkritik herausfordert. "Django Unchained", womit Regisseur Quentin Tarantino immerhin seinen zweiten Drehbuch-Oscar gewann, ist zwar ein wildes Genre-Stück, klagt aber Sklaverei und Rassismus zumindest rückwirkend vehement an. "Zero Dark Thirty", der relevanteste unter den Politfilmen, löste bereits vor Wochen eine schmerzhafte binnenamerikanische Debatte über die Funktion von Folter bei der Aufspürung Bin Ladens aus und wurde prompt zur Strafe ausgerechnet mit einem Tonschnitt-Oscar abgespeist (der zudem nur wie ein halber wirkt, weil erstmals seit 1994 zwei Oscars in einer Kategorie vergeben wurden). Und selbst das Spielberg'sche Heldengemälde des Präsidenten als Friedensstifter und Slavereibeender hat insofern Flecken, als es zeigt, dass auch große historische Erfolge in Demokratien mitunter per Stimmenkauf und Ämterschacherei zustande kommen können.

Die Oscar-Gewinner 2013
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25.02.2013 12:36Christoph Waltz.

Wie beruhigend schlicht dagegen "Argo": Erstaunlich bärbeißig, ja, stellenweise bräsig erzählt Ben Affleck seine eigentlich kuriose Fußnote der Geheimdienstgeschichte, der allenfalls Alan Arkin und John Goodman als alte Hollywood-Kämpen humoristisches Potential abgewinnen. Er selber geht als sein eigener Hauptdarsteller stets geradezu versteinert vor Verantwortungsbewusstsein durchs Bild - als CIA-Mann, der die Tarn-Legende für sechs aus Teheran herauszuschmuggelnde Amerikaner entwickelt und durchzieht. Mag sein, dass der Academy dabei auch die hollywood-interne Heldensaga gefiel - schließlich werden die sechs gegenüber den iranischen Revolutionswächtern als Crew eines zu drehenden Science-Fiction-Films ausgegeben. Der Rest ist Patriotismus pur.

Ist Amerika seiner selbst und der ewigen Aufpasser-Rolle in der Welt so müde, dass es sich nun ausgerechnet zur Feier der ausnahmsweise mal gewaltlosen, Köpfchen statt Knarren einsetzenden CIA herablässt? Will es, zumindest im Kino, Frieden schaffen mit immer weniger Waffen? Wie muss es um eine Nation bestellt sein, die sich - rechnet man einmal die Oscar-Wahl hoch - auf den schmalsten Nenner gemeinsamen Tröstungsbedürfnisses einigt, auch um den Preis neuer Verlogenheit? Dass der von der Familie verstoßene Held nach getaner Tat am Haustor umstandslos von seiner Frau in die Arme geschlossen wird, während im Hintergrund die amerikanische Flagge weht, passt ins Gesamtbild.

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