Kultur : Die Ossis sind da

Und den Wessis gefällt’s. Über die gar nicht so neue große Kultur-Koalition in Deutschland

Christiane Peitz

Dominik Graf, der klügste unter Westdeutschlands Filmemachern, hat einen Film über die DDR gedreht. Eine Liebes- und Politgeschichte zur Zeit des Mauerbaus; Schauplatz ist Dresden. Am 16. Februar kommt „Der Rote Kakadu“ in die Kinos. Bereits Anfang Januar startet Andreas Dresens „Sommer vorm Balkon“, eine leichtfüßige Legende vom Überleben in schweren Zeiten. Arbeitslosigkeit Ost trifft auf Lebenskrise West; Schauplatz ist Prenzlauer Berg. Angela Merkel und Michael Platzeck führen die Rangliste der beliebtesten Politiker an: von Templin und Brandenburg im TurboTempo ins Zentrum der Macht. Und nur mit dem Sachsen Ballack haben wir Chancen auf die Weltmeisterschaft.

Die Ossis sind da, und den Wessis gefällt’s. Die Mauer ist weg, verschwunden aus den Köpfen der Nation. Deutschland staunt über sich selbst: Weniger weil die aus den neuen Ländern da sind, sondern weil sie angekommen sind – ganz oben.

Stimmt nicht, sagen manche, die meisten Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft und Kultur sind nach wie vor von Westdeutschen besetzt. Der Mentalitätswechsel ist gleichwohl nicht von der Hand zu weisen. Noch vor zwei, drei Jahren klaffte zwischen Ost und West ein tiefer psychokultureller Graben. Als Jana Hensels „Zonenkinder“ auf den Bestseller-Listen landete und „Good Bye, Lenin!“ die Kinos eroberte, war in jenen Herzen, die sich von Wolfgang Beckers MutterSohn-Melodram erweichen ließen, die Mauer noch ziemlich präsent. Wenn es schon anders mit der DDR zu Ende ging, als mancher 1989 hoffte, dann erhielt sie jetzt wenigstens ein würdiges Begräbnis. Darin wurzelt der Erfolg des Mauerfallmärchens und die Ostalgie-Welle, die darauf folgte. Sie kittete den immer noch geteilten Himmel über Deutschland mit den Mitteln der Fiktion: Die Enge der DDR wurde kurzerhand zur Nestwärme umdefiniert. Die Ossis nahmen’s sentimental, die Wessis exotisch.

Die ganz schnelle Vereinigung mag eine politische Illusion gewesen sein: Der Versuch, den Dresdner Durs Grünbein in den frühen Neunzigern zum Staatsdichter aufzubauen, kam zu früh. Doch jetzt spielt nicht nur seine Herkunft kaum noch eine Rolle, und die versöhnliche Ostalgie ist einer unspektakulären Normalität gewichen. Neuerdings ist es die Wirklichkeit, die Ost und West zusammenschweißt. Allein die aktuellen TV-Shows: Sie gelten nicht mehr der DDR, sondern den fünfziger Jahren. Deutschland, einig Trümmerland. Rund um die Wahlen dominierten Erschöpfung und Chaos die Bundespolitik, jetzt ist Aufbau allüberall. Wer weiß noch, wo genau der Osten anfängt und der Westen aufhört?

„Alles auf Zucker“, der deutsche Überraschungs-Kinohit 2005, ist dank Henry Hübchen ziemlich ostberlinerisch. Aber für den Erfolg war das kaum entscheidend. Auch die ideologische Grenze zwischen Stadtschloss- und Palast-der-Republik-Fans verläuft nicht mehr strikt entlang der Ost-West-Linie. Selbst die in sozialen Brennpunkten angesiedelten Verwahrlosungstragödien ereignen sich nicht nur in ostdeutschen Plattenbauten, sondern auch in Berlin-Zehlendorf. Noch im Elend sind wir vereint.

In „Solo Sunny“, Konrad Wolfs Defa-Kultfilm von 1980, läuft Renate Krößner über eine Brücke. Sie verlässt gerade ihren untreuen Liebsten, die S-Bahn schiebt sich träge in die Kurve – und Sunny zieht weiter. Eine bodenständige Frau versucht der Enge des realen Sozialismus zu entkommen und zerbricht beinahe daran. Der Putz bröckelt von den Altbauten, nur das Fenster zum Hinterhof erlaubt ein bisschen Weitblick. Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase hat nun auch das Buch zu „Sommer vorm Balkon“ verfasst: Der Putz bröckelt wie vor 25 Jahren, nur das Hinterhof-Fenster ist durch einen Balkon ersetzt. Wieder schlägt sich eine Arbeitslose durch, und wieder gibt es eine Szene auf jener Brücke in Prenzlauer Berg. Ein kleiner Junge joggt darüber, hinter seiner ersten Liebe her. Er hat keine Chance, seine Turnschuhe taugen nichts, die arbeitslose Mutter hat kein Geld für neue. Aber auch er gibt nicht auf.

Eine deutsche Heldin 1980, eine deutsche Szene 2005: Die Kinder der Generation „Solo Sunny“ erleben die gleichen Enttäuschungen, erlernen die gleiche Tugend der Tapferkeit. Orte und Stimmung sind identisch; ein Hauch von Defa liegt über dem Land. In der Politik wie im Alltag sind die Anpacker gefragt, Realisten wie Improvisationskünstler. Aber auch die deutschen Traum- und Sehnsuchtsbilder im Film, in der Literatur, in der Kunst stammen oder handeln immer häufiger von Ossis. Und die Wessis finden sich darin wieder. Auch wenn es ein wenig gekränkt klingt, wie Peter Schneider im „Spiegel“ die „kulturelle Eroberung des Westens“ durch den Osten verkündet.

Schneider zählt auf, wie sehr die Kulturlandschaft von Ostdeutschen geprägt ist. Die Leipziger Schule ist das begehrteste Exportgut der deutschen Gegenwartskunst; Maler wie Neo Rauch, aber auch Jüngere wie Matthias Weischer erzielen Spitzenpreise. Während Thomas Brussigs Bestsellern immer noch das Herkunfts-Label anhaftet, wurde die wichtigste Neuerscheinung des Bücherherbstes gesamtdeutsch wahrgenommen: Bei Ingo Schulzes Wenderoman „Neue Leben“ spricht allein der Titel Bände. Ein ostdeutscher Schriftsteller lässt alle Utopien fahren, erklärt der vereinten Leserepublik den Kapitalismus und greift beherzt aufs gemeinsame Kulturerbe zurück, von Goethe bis Thomas Mann.

Die Liste lässt sich verlängern. Ostdeutsche Theatermacher von Heiner Müller bis Frank Castorf prägten seit Ende der Siebziger die postmoderne Bühnenästhetik; die Ära dieser Vorboten ist fast schon passé. Opernregie-Star Peter Konwitschny macht bei seinen Inszenierungen keinen Hehl aus seiner DDR-Sozialisation. Michael Schindhelm, Chef der Berliner Opernstiftung, hat in jungen Jahren mit Angela Merkel im Labor gestanden.

Vielleicht ist ja was dran am Gemeinplatz, dass aus der Krise die Kraft erwächst. Die Ostdeutschen haben mehr Übung darin, sich durch karge Landschaften zu bewegen, und deshalb womöglich mehr Power, die schönen Künste auch bei widrigen Verhältnissen zum Blühen zu bringen. Jetzt, da Westdeutschland sich ökonomisch auf ostdeutschem Niveau wähnt, haben die lange als kraftlos kritisierten westdeutschen Kulturschaffenden beste Voraussetzungen, sich wieder aufzurappeln.

Rebels with a cause. So heißt die DefaFilmreihe, die das MoMA kürzlich in New York zeigte und die noch bis Weihnachten in der Berliner Urania (West) und im Babylon-Kino (Ost) nachgespielt wird. Von der DDR lernen, das ist nicht zuletzt eine Frage des Tons, einer Mischung aus Realitätssinn, Trotz und Lockerheit. Leander Haußmann hat mit „Sonnenallee“ jenen Slapstick-Sound vorgegeben, von dem die melancholisch-komische Leichtigkeit von „Good Bye, Lenin!“ oder der Esprit von „Alles auf Zucker“ zehren. Der Erfolg des neuesten deutschen Films: born in East-Germany. Die Politisierung des Privaten, der immer wieder totgesagte soziale Realismus paart sich mit jüdischem Witz, mit Schweijkscher Verschmitztheit. So lautet die Regierungserklärung der großen Kultur-Koalition: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht unbedingt ernst.

Der irisch-(west)deutsche Filmemacher Eoin Moore schickt in seiner Hartz- IV-Komödie „Im Schwitzkasten“ (uraufgeführt bei den Hofer Filmtagen) sieben Berliner in die Sauna: Arbeitslose, Ich-AGler, Pleitegeier. Man schwitzt, heckt Pläne, wurstelt sich durch, scheitert. Aber man entspannt sich auch dabei.

Am Abend des 9. November 1989 hat übrigens auch Angela Merkel die Weltgeschichte locker ausgesessen: in der Sauna.

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