Kultur : Die Päpstin

80 plus: Yoko Ono rockt die Volksbühne.

Volker Lüke

Da steht sie, in Berlin, die kleine Frau, die irgendwas mit Fluxus zu tun hat und den meisten Leuten vor allem als Witwe von John Lennon bekannt ist, obwohl sie sich schon als Performancekünstlerin einen Namen gemacht hatte, bevor die „Ballad of John and Yoko“ ins Rollen kam. Seit einem Jahr wissen wir von Paul McCartney, dass sie aber auch gar nichts mit dem Ende der Beatles zu tun hatte. Das hing ihr ewig nach.

Sie ist eine begnadete Entertainerin, die durch ihr Tun die Grenzen der Kunstform hinausschiebt. Mit Geräuschen, wie sie die Popmusik noch nicht erlebt hatte, wurde sie zum großen Vorbild für Patti Smith, Kim Gordon oder Lady Gaga, mit denen sie ebenso auf der Bühne stand wie mit John Cage, Eric Clapton, Frank Zappa oder den Pet Shop Boys. Wer kann das schon von sich behaupten? Und nun, wo sie doch endlich alt und weise sein sollte, findet sie noch immer eine kindliche Freude daran, den Zuhörer mit ihrem Schnattergesang in Stücke zu schneiden. Keine Spur von Burn-out, dabei ist sie gerade mal fünf Jahre jünger als der Papst.

Mit einem wilden Rockkonzert feiert sie in der ausverkauften Volksbühne in ihren 80. Geburtstag hinein. Tänzelt ganz in Schwarz ans Stehmikro, singt magisch und lächelt verschmitzt über die dunkle Sonnenbrille ins restlos begeisterte Publikum, während Sohn Sean Lennon an der Gitarre die Rolle seines Vaters übernimmt und die fabelhafte Plastic-Ono-Band mit großer Geste durch tückisches Gelände manövriert. Die siebenköpfige Band schlittert vom psychedelischen Rocklärm in schillernde Popballaden, gerät vom Disco-Hit „Walking On Thin Ice“ zum hypnotischen „Mind Train“. Ein Konzert, in dessen schonungsloser Offenheit und spielerisch intimem Charakter ein humaner Charme liegt, der fast so etwas wie Glückseligkeit verströmt und nichts von einer blöden Nostalgieshow hat. Bei der letzten Zugabe kommen noch ein paar Gäste auf die Bühne: Martha und Rufus Wainwright bringen ein Ständchen, bevor Michael Stipe, Peaches und der ganze Saal bei „Give Peace A Chance“ mitsingen, bis der Geist von John Lennon im Raum schwebt. Dann bläst Yoko Ono die Kerzen aus. Da steht sie: ergreifend und lustig, lustvoll ekstatisch, gefährlich verrückt und deine beste Freundin. Ihre Fans sind jung – jung geblieben und jung an Jahren. Ist das nicht schön? Volker Lüke

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