Kultur : Die Parabeln des norwegischen Dichters befremden mit ihrer Wucht und Auswegslosigkeit

Askan Vierich

Völlig vergessen starb der "norwegische Edgar Allen Poe" 1958 in seiner Heimat. Sigurd Mathiesen würde vermutlich noch heute niemand mehr kennen, wäre nicht 1998 eine Auswahl seiner Kurzprosa auf Russisch erschienen. Da erinnerte man sich in Norwegen an einen Autor, der 50 Jahre verschwunden war. Jetzt entdeckt man Mathiesen als Wegbereiter der Moderne, stellt ihn in eine Reihe mit Hamsun, Strindberg oder Ibsen. Als er 1903 debütiert hatte, feierte ihn die Kritik. Doch dem Publikum waren seine düsteren Geschichten, die die Brüchigkeit der modernen Existenz in symbolisch aufgeladenen Schilderungen von Nervenkrisen oder parapsychologischen Erfahrungen zeigten, zu schwierig. Selbst als Mathiesen in den 20er Jahren unter Pseudonym Romane in konventionell-realistischer Machart verfaßte, wollte sie niemand lesen. Es scheint, als wäre er zu einer seiner Figuren geworden: Menschen mit Talent und besten Zukunftsaussichten, die, zur falschen Zeit am falschen Ort, tragisch scheitern.

Bad trips versammelt dieser prächtig aufgemachte Band der "Anderen Bibliothek", Erzählungen aus Mathiesens Erstling "Junge Seelen" und einige aus seiner expressionistischen Zeit. In "Das unruhige Haus" sind die Parallelen zu Edgar Allen Poe überdeutlich: Ein junger Mann besucht eher zufällig ein altes Landhaus. Dessen verführerische Bewohnerin lebt in Erinnerung an ihren geliebten toten Bruder - im Bewusstsein des scheinbar unvermeidlichen Unterganges ihres üppig-exotisch ausgestatteten Hauses und ihres Geschlechts. Anlage und Atmosphäre erinnern an Poes "The Fall of the House of Usher". In einer anderen Erzählung mit dem treffenden Titel "Blutsonntag" werden pubertierende Schüler von ihrem Rädelsführer zu einem einsamen Tümpel geführt. Dort ermordet der Anführer seine Mitschüler in einer Art ritueller Orgie, zwei zwingt er zum Selbstmord. Solche Szenarien reichert Mathiesen häufig mit religiösen und sexuellen Anspielungen an. Seine Helden, zwischen Vernunft und Wahnsinn schwankend, entscheiden sich für Letzteres.

Es scheint nicht verwunderlich, wie Knut Brynhildsvoll in seinem Nachwort weismachen will, dass Mathiesens aufgeheizte expressionistische Parabeln damals wenig Verständnis fanden. Noch heute befremden sie in ihrer Wucht und Ausweglosigkeit. Aber sie faszinieren auch - weil sie so rätselhaft vielschichtig sind. Weil man dem Autor abnimmt, dass es ihm nicht nur um raffinierte Erzeugung schauriger Stimmungen ging. Brynhildsvoll stellt sich vor, dass Mathiesens Lage war wie die jener Feuerwerker in der Beschreibung Schopenhauers: Die schießen ihre in jahrelanger Arbeit hergestellten Erzeugnisse in die Luft und stellen erschüttert fest, dass sie am falschen Ort sind: auf dem Gelände einer Blindenanstalt. Jetzt sind ein paar sehende Zaungäste hinzugetreten.Sigurd Mathiesen: Das unruhige Haus. Zehn unheimliche Geschichten. Aus dem Norwegischen von A. Gundlach. Eichborn / Die Andere Bibliothek, Frankfurt 1999. 390 S. . 49,50 DM.

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