Kultur : Die Paranoia grassiert

Oliver Heilwagen

Geschichte, schrieb Marx, ereigne sich zweimal, "das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce". Diese 150 Jahre alte Einsicht trifft auch auf den Kongress "Kultur und Krieg" zu, den eine "Forschungsgruppe Kultur und Strategie" unter Leitung von Bazon Brock am Wochenende in der ehemaligen Staatsbank Berlin veranstaltete. Das Symposium hat einen berühmten Vorläufer. Im Juni 1935 versammelten sich in Paris Hunderte von Schriftstellern aus ganz Europa auf einem "Kongress zur Verteidigung der Kultur", um vor Hitler zu warnen. Das erwies sich später für manche Teilnehmer als tragisch - sie verschwanden als "Spione" in sowjetischen Lagern. Das immerhin kann Brocks Gefolgsleuten nicht mehr passieren. Sein Kongress inszenierte auch das Gegenteil: nämlich die Abschaffung der Kultur.

Brock, emeritierter Professor für Ästhetik in Wuppertal, hat als Initiator der "Besucherschulen" auf der Documenta Tausenden beigebracht, die jeweils aktuelle Kunstproduktion zu bestaunen, und dabei all ihre Irrungen und Wirrungen im Konzeptuellen, Ungefähren und Flüchtigen mitgemacht. Es schließt sich also ein Kreis, wenn er zum Abschluss seiner akademischen Laufbahn zur Selbstbeseitigung aufruft.

In seinem Referat "Der Barbar als Kulturheld" machte Brock mit der gesamten Moderne kurzen Prozess. Viele Künstler und Architekten des 20. Jahrhunderts schwelgten in Gewaltphantasien und fegten das Hergebrachte hinweg: "Schlimmeres, als das, was wir durch die Avantgarden durchgemacht haben, kann uns durch keine Terroristen drohen." Zerstörungswütige Kreative seien bei ihrer Ermordung in totalitären Regimen demnach "Opfer der eigenen Programmatik" geworden. Diese nicht ganz neue Erkenntnis baute Brock zum Generalvorwurf aus: "Wer Kultur sagt, meint Barbarei! Kulturelle Argumentation ist genuin faschistisch." Als Gegengift empfahl er, jede Berufung auf kulturelle Identität aufzugeben: Nur solches Verhalten sei zivilisiert.

In dieser Forderung wurde er von Dirk Baecker bestärkt. Der Schüler des Systemtheoretikers Niklas Luhmann betonte, kulturelle Prägung sei vorgegeben, Zivilisation hingegen lernbar. Der Westen müsse nun lernen, dem Rest der Welt Teilhabe an seinem Wohlstand anzubieten. Wie er dies tun könne, blieb allerdings unklar, zumal, da Boris Groys das Verschwinden von Verantwortung diagnostizierte. In einer reizüberfluteten Welt seien Handlungen keinem Subjekt mehr zuzuordnen. Weder Mächtige noch Terroristen würden sich zu ihren Taten bekennen. Die Folge: grassierende Verschwörungstheorien und allgemeine Paranoia.

Dafür gab der Kongress ein gutes Beispiel. Brocks semantischer Kurzschluss, Kunstproduktion als Schaffung von Neuem mit Kultur als lebensnotwendigem Rückgriff auf Vorhandenes gleichzusetzen, fiel niemandem auf. Ebensowenig sein Selbstwiderspruch, mit dem Furor des Alleszermalmers zu verlangen, jede Vernichtung müsse aufhören. Brocks Nero-Befehl, am absehbaren Ende seiner medialen Präsenz zugleich die Kultur zu verabschieden, darf man also getrost ignorieren.

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