Kultur : Die Party geht weiter

Künstler, Animateur, Visionär: Heute vor 20 Jahren starb Andy Warhol

Nicola Kuhn

Die Nachricht kam völlig überraschend, unerwartet wie zuvor die Meldung vom Mordanschlag, den eine feministische Attentäterin auf ihn verübte. Doch während Andy Warhol 1968 die Schüsse von Valerie Solanas schwer verletzt überlebt, wurde die harmlose Gallenblasenoperation für ihn zum Todesurteil. Am 22. Februar 1987 starb der Maler, Werbegrafiker, Filmemacher, Fotograf, Magazinherausgeber, Musikpromoter mit gerade einmal 58 Jahren an Herzversagen.

Wieder ging eine Warhol-Meldung um die Welt. Doch wo zwanzig Jahre zuvor Zweifel an der Lebensleistung des PopArt-Künstlers hätten aufkommen können, waren sich die Kritiker nun einig: Mit Andy Warhol ging ein Jahrhundertkünstler. Aus heutiger Sicht ist diese Erkenntnis gefestigter denn je. Warhols Werk prägt noch immer das Kunstgeschehen. Seine Verkehrung der Verhältnisse, die damals revolutionäre Gleichsetzung von Kunst und Konsum, Privatem und Öffentlichkeit gilt mehr denn je. Das in einen Partyrausch versetzte Marktgeschehen angesichts weiter steigender Preise erscheint wie eine Fortschreibung der von Warhol einst formulierten Ideen.

Anders als der deutsche Künstlerheros Joseph Beuys, der trotz gegenseitiger Sympathiebekundungen als transatlantische Antifigur zu Andy Warhol galt und genau ein Jahr vor ihm verstarb, ist der Amerikaner postum höchst präsent. Seine Werke erzielen auf den internationalen Auktionen Rekorde; erst jüngst erbrachte eines seiner Mao-Bilder, wie es ähnlich auch in Berlin im Hamburger Bahnhof hängt, 17,4 Millionen Dollar. Immer gibt es irgendwo auf der Welt eine Warhol-Ausstellung, denn sie sind Quotenbringer. Andy Superstar ist gefragter denn je. Gerade läuft in der Wiener Albertina eine Schau seiner erst jüngst im Nachlass ausgegrabenen Zeichnungen von Mick Jagger, Aretha Franklin und Charles Aznavour (bis 25. Februar). Der vor Produktivität berstende Künstler, der mit seiner „Factory“ eine ganze Werkstatt für sich arbeiten ließ, versorgt noch zwei Jahrzehnte über seinen Tod hinaus den Kunstmarkt mit Material.

Was den Mann mit dem bleichen Gesicht und der silbrigen Perücke auszeichnete, war zunächst der unbedingte Wille zum Aufstieg, der Wunsch nach sozialer Anerkennung als Sohn einer ärmlichen slowakischen Emigrantenfamilie aus Pittsburgh. Dies allerdings verbunden mit höchster künstlerischer Sensibilität und einem enormen Gespür für Marketing. Warhol war bereits in den Fünfzigern ein erfolgreicher Werbegrafiker und Schaufenstergestalter. Seine zu großen Teilen in der Sammlung Marx befindlichen frühen Tuschezeichnungen von Schuhen oder Sahnetorten entzücken durch ihre spielerische, individuelle Note, die im vollkommenen Gegensatz zu seinen heute millionenfach reproduzierten Pop-Art-Ikonen wie den Marilyns, den Campbell-Soups, den Dollarnoten und Cola-Flaschen stehen.

Der Wechsel von der Werbung in die freie Kunst vollzog sich für Warhol Anfang der Sechziger mit der Entdeckung des Siebdrucks, dessen Technik ihm die Möglichkeit zur unendlichen Multiplikation bot. Sich der provozierenden Wirkung dieser Vervielfältigungsmaschinerie bewusst, trieb er das Spiel nochmals weiter, indem er sich amerikanische Allerweltsmotive vornahm – darin ganz der Werbemann. Rückblickend könnte man sagen, dass sich nur der Bezugsrahmen für sein Schaffen änderte. Mit Pop-Artisten wie Roy Lichtenstein, der Comicstrips auf die Leinwand übertrug, Jasper Johns, der Bierbüchsen in Bronze goss, oder Claes Oldenburg, der aus Leinenstoff überdimensionale Hotdogs als Skulpturen schuf, stürzte Warhol die Vorherrschaft des Abstrakten Expressionismus und holte die ersehnte Gegenständlichkeit wieder zurück ins Bild.

Während seine Kombattanten nie wirklich den Rahmen der Kunst zu sprengen suchten, da sie von ihrem Selbstverständnis und ihrer Ausbildung her Künstler waren, ging der Revoluzzer Warhol rigoros weiter. Er stellte nicht nur das hehre Leinwandmotiv infrage, delegierte die Herstellung an einen technischen Apparat, sondern entgrenzte auch den Begriff der Autorenschaft. Die 1963 von ihm in Manhattan gegründete Factory war ein Pool kreativer Kräfte, die er für sich nutzbar machte. Im gleichen Jahr entdeckte er die Filmkamera und nahm ähnlich ungefiltert seine Umgebung auf, wie er zuvor Motive der Konsumwelt absorbierte.

Dies gilt allerdings nur für den ersten Blick. Stets arbeitete Warhol mit einem hohen Grad an Stilisierung: Während er bei seinen Siebdrucken ordinäre Objekte einerseits durch Isolierung nobilitierte, andererseits durch Multiplikation wieder in die Namenlosigkeit zurückstieß, schien er auch in seinen Filmen nur zunächst das Gewöhnliche – einen schlicht Schlafenden oder den Verzehr eines Pilzes – zu transzendieren. Denn bei ihm bleibt letztlich alles Oberfläche. Berühmt sind Warhols Sprüche, die genau damit kokettieren: „Alles ist schön.“ Oder: „Ich möchte eine Maschine sein.“ Vor allem: „In Zukunft wird jeder 15 Minuten lang weltberühmt.“

Die fünf Jahre zurückliegende Berliner Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie, kuratiert von Heiner Bastian, versuchte, Warhol durch ihre gediegene Hängung als Klassiker der Moderne zu zelebrieren. Vermutlich hätte Warhol eine solche Volte der Kunstgeschichte gefallen: diesem Maniac des Porträts, der das traditionsreiche Genre durch inflationär produzierte Auftragsbildnisse (für 25 000 Dollar wurde jede Anfrage von der Factory erledigt) zu einer letzten Blüte brachte, diesem Melancholiker, der den Tod in Gestalt von Zeitungsfotos mit elektrischen Stühlen, Autounfällen, Selbstmorden liebte, diesem genialen Bilderdieb, der am Ende sogar Motive der Kunstgeschichte wie die Mona Lisa oder Leonardos „Letztes Abendmahl“ zitierte.

„Wenn Sie alles über Andy Warhol wissen wollen, dann sehen Sie sich die Oberfläche an: die von meinen Bildern und meinen Filmen und meine eigene, und da bin ich.“ So Warhol über Warhol. Auch zwanzig Jahre nach seinem Tod weiß der Kunstbetrieb auf seiner permanenten Sinnsuche noch immer nicht recht, ob er das glauben soll.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben