Kultur : Die Partymacher

Reiche Monster: Roger Avarys „Die Regeln des Spiels“

Jan Schulz-Ojala

Sie ist keine American Beauty, sondern eher ein hässliches Entlein, Küchenhilfe in der Mensa am College von Camden. Anonyme, blauseidene Liebesbriefe schickt sie dem Studenten-Schönling Sean. So viel Unschuld verzaubert sogar den jung-abgebrühten Zyniker: Schade nur, dass er glaubt, die Briefe kämen von Lauren, in die er sich gerade irgendwie verliebt hat. Als die namenlose Schwärmerin das spitzkriegt, macht sie Schluss: In der Wanne sieht sie fast aus wie das blonde Traumbiest aus „American Beauty“, nur ist sie nicht in rote Rosen gebettet, sondern badet im eigenen Blut.

Das Küchenmädchen (Theresa Wayman) ist ein Niemand unter den reichen, dauerbekifften, dauerbekoksten, dauerbesoffenen Twentysomethings von Camden – so nebensächlich, dass sogar das Presseheft zum Film ihre Existenz locker unterschlägt. Dabei ist ihr Selbstmord eine der auch visuell und dramaturgisch unvermutet starken Szenen des arg genialisch dahingetupften Geschehens, gleich wieder ironisiert durch Seans pathetischen Suizidversuch: Erst reißt der Haken aus der Decke, und bei der ersatzweisen Tabletten-Überdosis greift er wieder mal zu den falschen Pillen.

Man soll lachen über den Schrecken – vielleicht wie in „Pulp Fiction“, wofür Regisseur Roger Avary am Drehbuch mitschrieb, bevor er mit „Killing Zoe“ 1994 und dann gar nicht mehr von sich reden machte; lachen eher wie in „Scream“ und all den anderen Teenie-Horrorfilmen, aus denen sich Avary seine Akteure zusammensuchte wie vom Flohmarkt einer jüngst verblichenen Mode. Und man soll sich auch ein bisschen erschrecken über die existenzielle Leere, mit der diese 24 hours party people ihren sogenannten Uni-Alltag zubringen, von der letzten Vor-Vorsamstags-Party-Party zur nächsten Zieh-dich-an-dass-du gevögelt-wirst-Party, zu der man am besten, nicht eben überraschend, mindestens halbnackig geht.

„The Rules of Attraction“, so der Originaltitel, gründet auf dem gleichnamigen zweiten Roman von Bret Easton Ellis – und Sean Bateman (James Van Der Beek), Hauptfigur im Reigen der Verdammten, wirkt wie die jüngere Inkarnation von Patrick Bateman, dem Wallstreet-Broker und Mädchenschlächter aus Ellis’ „American Psycho“. Ganz am Anfang dieser Reihe könnte auch Igby ( siehe Artikel nebenan) stehen: Luxusfamilienwaise mit einem Ahnenstamm, in den sich etwa Mrs. Denton (Faye Dunaway), würdig verrottete Vorfahrin eines der jungen Camden-Monster, wunderbar einpassen ließe.

Die Regeln der Anziehung sind einfach: Sieh gut aus oder sei wenigstens ein bisschen dämonisch, dann steht dir zumindest das Vergnügen jederzeit offen. Dass irgendwann Paul Sean und Sean Lauren und Lauren Viktor und Viktor gar niemand oder allenfalls Paul lieben könnte, betrachtet der Film so kühl wie einen Arbeitsunfall auf dem Fleischmarkt. Das Treiben bleibt ein Treiben, mal mit Zeitraffer, Splitscreen und rückwärts laufendem Film hochgejazzt, dann wieder wie die Semidokumentation eines bloß getunten Alltags - ab und zu witzig, selten auch großartig, oft öde. Der Nihilismus der reichen Säcke dieser Erde: Das ist, selbst in ewiger Party-Verkleidung, wahrscheinlich nicht gerade der Stoff, mit dem man die Kids derzeit ins Kino zieht.

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