Kultur : Die Paulskirche als Menagerie

THOMAS SENNE

Die Revolutionen von 1848 waren Wegbereiter der modernen Presse und die Unruhen jener Tage nicht zuletzt auch spektakuläre Medienereignisse.Umfang und Art der freien Berichterstattung waren seinerzeit ein Novum, denn die Pressefreiheit war gerade erst eingeführt worden.Dabei war die publizistische Revolution Ergebnis, aber auch Motor der Erhebungen der Massen gewesen.In einem bislang nicht gekannten Maß konnten weite Bevölkerungsschichten erreicht und mobilisiert werden.Wie ein publizistischer Wirbelsturm rüttelte dieser "Völker Frühling" kräftig an den Pforten der restaurativ-monarchischen Mächte.In ganz Europa stand das Volk auf, forderte freie Wahlen, Bürgerrechte, nationale Einheit, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit.Eine wesentliche Entwicklung spielten dabei Bilder; öffentlich zugängliche Grafiken, Illustrationen, mehr als Gemälde mit ihrem eher privaten Charakter.

Gezeichnete Bildreportagen, Karikaturen, Allegorien und Ereignisbilder waren en vogue.Die Nürnberger Schau trägt dem Rechnung, auch mit dem Titel: "Das Europa der Bilder".Aber das reicht nicht, die Geschichte nachzuerzählen.Die Ausstellung will den damaligen Bilderaustausch nachzeichnen, der zwischen den illustrierten Blättern Europas herrschte, um auf diese Weise eine bunte, gewissermaßen geamteuropäische Sicht der Ereignisse zu vermitteln - mit Hilfe der Bilder.So zeigt etwa eine Illustration von 1848 in der englischen Zeitschrift "Punch" die Freiheit in Gestalt eines See-Ungeheuers, wie sie die in einem wackeligen Boot zusammengekauerten Monarchen erschreckt.Nur wenig später erscheinen in französischen und deutschen Blättern Paraphrasen eben dieser Version.Andere in Vitrinen und an den Wänden en masse ausgebreitete Beispiele belegen ebenfalls die gegenseitige Beeinflussung innerhalb der europäischen Bildpublizistik.

Die Nürnberger Präsentation, die mit Dokumenten, historischen Kleidungsstücken, Möbeln und Skulpturen angereichert ist, gliedert sich in zwei Teile.Während der Abschnitt der "Völker Frühling" anhand von Bildern den "Mythos der Barrikaden" ebenso untersucht wie europäische Utopien einer sozialen Weltrepublik, widmet sich der Bereich "Michels März" allein den Vorgängen in Deutschland von 1848.Der deutsche Michel am Scheideweg zwischen gottgewollter Monarchie und Demokratie.

Im Ausstellungszentrum, das mit blockartigen Wänden der Rotunde der Frankfurter Paulskirche nachempfunden wurde, hängt die mit Eichenlaub bekränzte "Germania" als Personifikation Deutschlands.Dieses Kolossalgemälde des Nazareners Philip Veit befand sich einst in der Paulskirche auf der Orgelempore und sollte die Abgeordneten auf die deutsche Einheit einschwören.Das Kuriose dabei: die Botschaft dieses Bildes war gar nicht so fortschrittlich, wie man annehmen könnte.Vielmehr wollten die Auftraggeber - keine Parlamentarierer, sondern Vertreter der alten Bundesversammlung - durch die konservative Darstellung der Germania (mit Reichsinsignien, Doppeladler, schwarz-rot-goldenem Banner und Kaisermantel) die Versammelten der Paulskirche dazu ermuntern, an die Traditionen des alten Reiches anzuknüpfen.

1848 wurde auch der Typus des opportunistischen Berufspolitikers schon auf die Schippe genommen: auf jetzt zu sehenden Lithographien, die den fiktiven Abgeordneten "Piepmeyer" zeigen.Karikaturen aus Ausschneidebögen von Prominenten der Frankfurter Nationalversammlung baumeln in der Schau als Hampelmänner herum, während in weiteren Abbildungen die Politik jener Tage als Theater dargestellt wird.Auch das Tierreich wird bemüht: die Paulskirche als Menagerie.Zwar gibt die präsentierte Bilderfülle dem Besucher einerseits die Möglichkeit, sich gründlich mit dem Thema auseinanderzusetzen.Andererseits aber besteht die Gefahr in der nicht deutlich genug bearbeiteten Materialfülle unterzugehen, quasi in den Bilderfluten des "Europas der Bilder" zu ertrinken.Und dies ist zweifellos das Manko dieser Ausstellung.

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, bis 10.Januar.Die beiden Ausstellungskataloge kosten 55 Mark.

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