Kultur : Die perfekte Lüge

Dieter Dorn wagt sich in München an Jean Genets Kolossal-Komödie „Die Wände“

Marietta Piekenbrock

Wenn man es liest, dann will man es nach dem dritten Bild beiseite legen. Weil man es für einen vergilbten Papiertiger hält. Als sich nach viereinhalb Theater-Stunden 36 Schauspieler zum Applaus verbeugen, darf man sich eingestehen, dass man sich nicht getäuscht hat. Obwohl der Krieg als Metapher für das Leben mehr taugt denn je. Das Stück heißt „Die Wände“, Dieter Dorn ist sein Regisseur und Genets Kolossal-Komödie über Frankreich und seinen Algerienkrieg ist an diesem Abend eine fade, farbenfrohe Feier von Nichts. Und eine müde Debatte über die Lügen der Bilder, die diese Leere bevölkern.

„Rosa! Rosa, sag ich dir! Der Himmel ist schon ganz rosa.“ Die Stimme, mit der der Abend anhebt, ist todmüde. Sie gehört Said, dem ärmsten Sohn des Landes, der mit seiner Mutter auf dem Weg zu seiner Frau ist, der häßlichsten und billigsten Tochter weit und breit. Mit Blick in den Zuschauerraum dirigiert er wild zuckende Blitze. Nach wenigen Spielminuten ist Gott geplatzt. Auf offener Landstraße, unter blankem Himmel halten sich Mutter und Sohn einen roten Koffer ohne Inhalt wie ein Schutzdach über den Kopf. Was dann folgt ist die bombastische Inszenierung einer bohrenden Frage: Wer ist eigentlich Said?

Jens Harzer geht dieser Frage nach. Sein glanzloser Blick und seine leiernde Stimme antworten uns: Ein melancholischer Randgruppen-Supermann der Verworfenheit. Einer der zu den Huren geht, der bei seinen Kameraden Geld, Hühner und Kohlköpfe klaut, und schließlich sein Volk verrät. Für Said bedeutet das Gefängnis, für seine Familie Unehre und Schmach. Harzer gibt den Ahnungslosen, der unbekümmert den Aufstand probt. Am Ende wird er ein zweites Mal aus dem Schoße seiner Mutter kriechen, um sich von den Landsleuten als Befreier bejubeln zu lassen. Gisela Stein hat für diesen Geburtsakt in der ersten Reihe Platz genommen. Ihr Werk ist vollbracht. „Geh bis an die Grenze! Mach weiter, mach Dich kaputt, mach Dein Weib kaputt – mach alles kaputt.“ Den Refrain hat sie ihrem Sohn eingeflüstert, sich damit zur Komplizin seines Vernichtungszuges gemacht. Jens Harzer und Gisela Stein sind ein Kraftwerk der Leere, das zerzauste Zentrum, in dem die losen Enden der Aufführung immer wieder zusammenlaufen.

Rot ist die Freiheit, lila die Nacht

„Die Wände“ sind ein Stück, das sein Bühnenbild im Titel trägt. In diesem Punkt haben Dorn und sein Kulissen- und Kostümbildner Jürgen Rose den Autor beim Wort genommen. Auf der Bühne steht ein Bretterzaun, tapeziert mit dem Probenplan der letzten Wochen. „Die Wände“, 10.30 Uhr, 12.Bild. Das Theater als Bewusstseinsbaustelle, als Probengebäude randvoll mit Fiktionen. Ob Araberdorf, französische Kolonialgesellschaft, Enklave der Rebellen oder Reich der Toten – die Drehbühne im Wüstensand überwindet alle Distanzen. Dazu das passende Licht: rot ist der Freiheitskampf, gelb die sengende Hitze, blau das Meer, lila die Nacht. Dorn, der Weltenbastler aus Nebenszenen, inszeniert mit seinen Klageweiber, Rebellen, Puffmüttern, sprechenden Toten, Kampfmannschaften, Trommeltamtam und flatternden Folklore-Röcken aus der Konkursmasse eines Schwabinger India-Shops den perfekten Krisenherd im Orient. Aus dem Off ertönt das Echo eines verlorenen Gottesbegriffs und der Schlachtruf „Morde im Namen der Religionen!“ „Gott ist verschwunden! Abgehauen!“ klagt Gert Anthoff als Kadi. Kein Urteilsspruch will ihm gelingen. Der Koran, mit dem er gegen die Schläfen seines leeren Kadikopfes trommelt, klingt hohl. Die Decke, die sich Marina Galic als Leila über den Kopf ziehen wird, hat große, maßgeschneiderte Löcher. Als sie nach ihrer Würde ruft, greifen ihre Hände ins Nichts. Dort die Leere der Armen und Schmutzverschmierten. Hier die perfekte Lüge und falsche Fülle der Weißen.

Die Kolonialherren tragen Körperpolster, ihre Frauen falsche Hüften, unechte Brüste und künstliches Haar, die französischen Soldaten schultern Muskelpakete und bunte Gewehre, mit denen sie so tun können als ob. Die Aufführung birst von Bildern, die uns sagen: Die gängige Form geht nicht mehr.

Bleibt zu fragen: Wer ist eigentlich Genet? In den Sechzigerjahren war er der Partisan unter den Autoren. Sein Schreiben war durch keine ästhetische Einvernahme kleinzukriegen. Die Siebziger waren die Dekade seiner Marginalisierung, die Achtziger die Hohezeit der Wiederentdeckungen, bevor in den Neunzigern sich die Himmelfahrt von Koltès ereignete. Und 2003? Im Münchner Residenztheater ist der große Guerilla-Genet auf Augenhöhe geschrumpft, eingebettet in veredelte Bilder vom Wahnsinn unserer Tage. Sartre stellte an das Ende seiner monumentale Genet-Exegese die Bitte „um einen richtigen Umgang“ mit Autor und Werk. Wir stellen seine Dramen zurück ins Regal. Unter „H“ wie „Heiliger Papiertiger“.

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