Kultur : Die perfekte Suppe

Europas größtes Studentenfilmfestival: die Potsdamer „Sehsüchte“

Sebastian Handke

1100 Filme. Dokumentationen, Animationen, Spiel- und Experimentalfilme. In fünf Wochen. Das macht, trotz Parallelsichtungen, etwa 30 Kurz- und Halblangfilme am Tag für jeden. Viele, viele Stunden im Dunkeln also, und die Folgen sind unabwendbar: Sehnenverkürzungen, Muskelkater, Sonnenhunger und Wirklichkeitsverlust. „Als sei man wochenlang ans Krankenhausbett gefesselt“, sagt Katharina Bergfeld lachend, „man liegt, sieht und versteift. Irgendwann haben wir Bodengymnastik gemacht.“

Am Dienstag beginnen die 35. „Sehsüchte“, Potsdams Internationales Studentenfilmfestival. Jedes Jahr hat der erste Jahrgang der „Audiovisuellen Medienwissenschaft“ an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf das Fest zu organisieren. So wie Katharina Bergfeld, die zum Programmteam gehört und ihre Semesterferien in der Dunkelheit der hochschuleigenen Sichtungssäle verlebte. Die „Sehsüchte“ allerdings sind alles andere als praxisnaher Scheinerwerb, sondern das größte und renommierteste Studentenfilmfestival Europas.

Filme aus aller Welt sind dabei, aus Island, Iran, Chile, Aserbaidschan. „Wir waren aber vor allem von den deutschen Einsendungen sehr positiv überrascht“, berichtet Bergfeld. „Filme mit diesem sarkastischen Humor, den man sonst eher von britischen Filmen erwarten würde, aber auch sehr schöne, leichte Sachen.“ Das Jugendstück „Unter der Sonne“ etwa von Baran Bo Odar (München) oder Victor Hollands Diven-Groteske „Der Tag, an dem Sarah Gordon bei mir badete“ (Berlin). Beide werden im Filmblock „Goldene Zeiten“ zu sehen sein.

Auch nicht gerade typisch: der Genrefilm. „Sommerwald“ ist die herrliche kleine Prahlerei eines Regisseurs (Christoph Lehmann, Ludwigsburg), der sich als Genrefilmer empfehlen will, und eines Filmkomponisten (Cornelius Renz), der bei der Anreicherung seiner opulenten Tonspur allerdings auch nicht weiß, wann Schluss ist. Genau das sagt auch die hübsche Hauptdarstellerin des Films zu ihrem Freund, bevor dieser im Wald einen Typen umsemmelt, einen Psychopathen mit der Schwarzwalduhr niederstreckt und wenig später selbst gemeuchelt wird. Der Film hat übrigens kein Happyend. Jedenfalls nicht für das Mädchen.

Der alljährliche Wechsel des Organisationsstabs bringt Neuerungen mit sich. Mit 13 000 Euro ist der Produzentenpreis diesmal besonders hoch dotiert. Es wird erstmals die Kontaktbörse und den Minifilmmarkt „Filmquelle“ geben sowie den Kinderblock „Halbe Portion“, für den man sich eigens von der FSK eine Altersfreigabe einholte. Die Medienphilosophin Gerburg Treusch-Dieter und der Kulturwissenschaftler Ronald Dünker treffen sich zum Gesprächsduell. Das Thema: Duelle im Film. Zudem gibt es den „Fokus Russland“. Sehr sehenswert ist Olga Smakovas Dokumentation „Chernobyl-2“ über Serjoscha, der beim Reaktorunglück 1986 als Helfer dabei war. Heute muss sich der Leukämiekranke schmerzhaften Therapien aussetzen und das fortwährende Sterben von Kollegen und Nachbarn mit ansehen. Und doch gibt ihm die Liebe zu seiner Frau die Kraft, das Leben mit Zuversicht zu meistern. „A Fisherman“ von Vyacheslav Semenov erzählt vom Leben eines Fischers im Nordosten Sibiriens, der im Sumpf auf einen Verletzten stößt und den Gefundenen gesund pflegt. „Ein poetischer und fast spiritueller Film mit wunderschönen Naturaufnahmen“, schwärmt Julia Schwartz, die den Russland-Fokus betreut. „Ganz leise erzählt, und doch mit einer großen Kraft. Aber unser heimlicher Favorit ist natürlich ,Tiny Katherina’.“ Ivan Golovnevs Dokumentation begleitet ein Nomadenkind und dessen Familie zwei Jahre lang bei ihrem Leben in der zugefrorenen Tundra. Vor dem sich allmählich in den Arbeitsalltag eingliedernden kleinen Menschenkind kann man nur demütig die Waffen strecken.

„Tiny Katherina“ war schon erfolgreich auf vielen Festivals zu sehen. Sven Bohses „Das Maß der Dinge“ über einen Koch auf der Suche nach der perfekten Suppe wurde sogar für den Studentenoscar nominiert. Nicht alle Teilnehmer sind alte Hasen. „Wirklich schön ist es, wenn man einen jungen, unerfahrenen Filmemacher überrascht“, sagt Julia Schwartz. Maxim Usov etwa, der mit seinem Dokumentarfilm „Zoo“ dabei ist. „Der war ganz verblüfft und wusste gar nicht, was wir von ihm wollen, als wir Filmstills und Stabliste anforderten.“

Wenn am Dienstag das Festival beginnt, dann müssen Katharina Bergfeld und Julia Schwartz erst einmal zurückfinden – ins Leben da draußen. Als die beiden nach einer letzten Filmsichtung das Gebäude verließen, noch ganz in ihrer passiven Rezeptionshaltung begriffen, standen sie erwartungsvoll vor dem Fahrstuhl und wunderten sich, dass nichts kommt. Es dauerte, bis jemand auf die Idee kam, auf einen der Knöpfe zu drücken.

Weitere Informationen unter www.sehsuechte.de

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