Kultur : Die Perfektion der vulgären Natur

HANNE LORECK

Ornament klingt populär.Oder sehr speziell.Das Einstein Forum in Potsdam lud ein zur vielschichtigen Auseinandersetzung mit Theorie und historischer Praxis: On Ornament.Ornament - ein Muster, das meist ungegenständlich-abstrakt-geometrisch mit Pflanzen zu tun hat, seltener mit Figuren; man denkt an Jugendstil, unter den außereuropäischen Kulturen spielt hier vor allem die islamische eine zentrale Rolle.Als Verzierung verbindet das Ornament sich mit eher dreidimensionalen, materiellen Dingen; es muß aufgetragen werden, auf Gefäße, Baukörper, ein Gewand.Diese Unselbständigkeit, Dysfunktionalität und buchstäbliche Oberflächlichkeit machten es dem Ornament schwer.Nun stand es zur Diskussion als komplexe Struktur, sollte in 15 Vorträgen als Bewertungs- und Produktionsprinzip in Kunst und Architektur und in deren Geschichtsbeschreibungen befragt werden.Drei Reflexionslinien ergaben sich daraus im Rahmen der internationalen Konferenz: eine ästhetisch-moralische, eine rhetorisch-mediale (welche beispielsweise die Position des Ornaments in der zeitgenössischen Architekturbeschreibung untersuchte) und eine historische Sichtweise, gebunden an die Hochzeiten seiner Verwendung.

Während Ornamente im antiken Rom der Organisation des Sehfeldes in künstlerischer und architektonischer Gestaltung dienten, wie der Eröffnungsvortrag Richard Brilliants von der Columbia University ausführte, bildete - so sein Kollege Philipp Fehl von der University of Illinois - ornamentale Rahmengliederung an der Decke von Michelangelos Sixtinischer Kapelle die Möglichkeit, das Jüngste Gericht mit Historienbildern zusammenzubringen.Im 19.Jahrhundert, darüber wurde detailliert diskutiert, lösten Ornamenttheorien häufig einander ab, der Vorstellung von der Arabeske als einem verbindlichem Kommunikationsmittel im 18.Jahrhundert bereiteten sie ein Ende.

Doch erst die Kunstgewerbebewegung des 19.Jahrhunderts und die industrielle, anonyme Fertigung - zum Beispiel von Möbeln - hat Voraussetzungen geschaffen, das Ornament als vielteiliges, Ordnungskriterien folgendes Zeichensystem zu behandeln, aus dem dann (wie Isabelle Frank vom New Yorker Bard Graduate Center ausführte) der englische Architekt, Designer und auf dieser Konferenz gern zitierte Owen Jones 1856 eine visuelle Grammatik zusammenstellte, die "Grammar of Ornaments".Ende vorigen Jahrhunderts schließlich entwickelte der Wiener Kunsthistoriker Alois Riegl seine Idee des Kunstvollen, eines Epochenstils, der gerade in den kollektiven Zeichen, den nichtindividuellen Werken einer Zeit zum Ausdruck komme.In der Folge wurde Stil auch begriffen als eine Art abstrakter Psychologie von Kunst und Leben.Die innovative Bedeutung des Ornaments dieser Zeit liege darin, so der Berliner Kunstgeschichtler Andreas Haus, rationalisierte Arbeit zu transformieren, im Hegelschen Sinn aufzuheben, besonders eine wilde, ja vulgäre Natur zu vervollkommnen.Diese Kunst ist zwar nicht mehr emphatisch subjektiv, ihre Anordnung der Dekoration auf den Gegenständen aber stellt den Betrachter ins Zentrum: das sei seine Rolle bis heute.

Unklar geblieben ist bei diesen Überlegungen der wiederholt behauptete aktuelle Bezug der Tagung: Die Beiträge begrenzten sich weitgehend auf das Feld klassischer Kunst- und Architekturgeschichte, wie sie vor allem im Rückblick operiert.Die derzeitige Option der Künste, besonders der Malerei und bestimmter Medienproduktionen für das Ornament und das Dekorative, kam gar nicht in den Blick.Dabei feiert das Ornament, beinahe hundert Jahre nach seinem durch die Gegner proklamierten Tod, längst Wiederauferstehung.Hatten ornamentale Strukturen vormals die Aufgabe gehabt, Verbindlichkeit herzustellen und ästhetisch zu vermitteln, so wird diese Kommunikationsform heute, auf den Kopf gestellt, zum Mittel, das Musterhafte und buchstäblich Konventionelle an der Konstruktion von Ethnie, Geschlecht und Sexualität zu visualisieren.Die schon von Nietzsche und deutlicher noch von Adolf Loos formulierte erotische und sexuelle Dimension des Ornaments, besonders die abfällig wertende Verbindung von Ornament und Weiblichkeit unterlag auf dieser Tagung - einmal mehr - einer weitgehenden Verdrängung.

In der neuen Verwendung des Ornaments und seiner dekorativen Qualitäten aber wird jene individualisierte Anschauung, die auf die Wahrnehmung des Betrachters zählt, wieder eingebunden in Belange des (sozialen) Körpers.Sowohl als Form als auch als Kategorie ermöglicht das Ornament dann den Austausch zwischen verschiedenen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen: das war einst eine vornehme Aufgabe, der sich das Einstein Forum selbst, trotz der hochkarätigen Besetzung der Tagung, diesmal nicht stellen mochte.

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