Kultur : Die Philosophin als Popstar (Portrait)

Gabriele Heidl

Fünfzig Jahre nach Erscheinen von Simone de Beauvoirs Klassiker "Das andere Geschlecht" gibt es in der westlichen Welt eine neue Kultfigur des FeminismusGabriele Heidl

Wo immer Judith Butler auftaucht, ist ein Event angesagt, Karten sind ausverkauft, Hörsäle überfüllt. Als die feministische Philosophin Berlin besuchte platzte der große Saal der Staatsbibliothek aus allen Nähten. Sie ist heute der einsame Star des Feminismus. In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "Die Philosophin", gewidmet Simone de Beauvoir und dem fünfzigjährigen Erscheinen ihres Weltbestellers "Das andere Geschlecht", wird neben Sartre nur Judith Butler zitiert.

Ihre Werke sind - für Fachbücher - ein Erfolgsschlager. Intellektuelle jeglicher Couleur kommen ins Schwärmen über die Amerikanerin, auch in Deutschland. Und das, obwohl Butlers Theorien zur Geschlechtlichkeit als Konstruktion oder zum physischen Gewaltpotential von Sprache keine leichte Kost sind.

Aus dem wissenschaftlichen Lager wird zunehmend Kritik laut, während die Faszination für die Profesorin, Frau und Lesbe Butler wächst. Warum? Es gibt zahlreiche bemerkenswerte Akademikerinnen, wie Seyla Benhabib, Luce Irigaray, Julia Kristeva, Christina von Braun. Gut, Judith Butler hat oft auf radikalere Weise gedacht. Aber sie hat auch vieles von anderen übernommen - und erst bei ihr wurde es wahrgenommen.

Eines von Judith Butlers Geheimnissen ist die persönliche Präsenz. Selbst am anderen Ende eines Saales scheint sie noch spürbar. In der Diskussion treten ihre ausgefeilte Rhetorik zu Tage, ihr schlagfertiger Witz. Gerade in Deutschland ist das ungewöhnlich: ein intellektuelles Unterhaltungsgenie. An deutschen Universitäten, hat Butler einen Bekanntheitsgrad erreicht, der dem eines Popstars gleicht: ein Michael Jackson für Akademikerinnen? Nahe liegt, daß es sich um eine Art Sehnsucht handelt, eine Sehnsucht vor allem der jüngeren Frauen, die sich mit dieser Frau identifizieren können, mit ihrer Denkhaltung, Lebensweise, Ausstrahlung. Ist es die Mischung, die Butler auszeichnet: aus Intelligenz, Rhetorik, Unabhängigkeit, Toleranz, Homosexualität? Ein Lebensweg wie Butlers ist für Frauen an Hochschulen in Deutschland heute noch so gut wie undenkbar. Wie könnte es bei uns eine solche Frau geben, in einem Land, in dem knapp 5,1 Prozent aller C4-Lehrstühle von Frauen besetzt sind? Wer zu dieser kleinen Gruppe stösst, hat meist einem Professor über Jahre hinweg gedient, für ihn recherchiert, mit ihm publiziert, auf eigene Lorbeeren verzichtet. Nur wer das ertragen hat landet auf einem der Elite-Lehrstühle. Nach den langen Jahren ist die eigene Meinung oft begraben unter Fachwissen.

Amerikanerinnen bleibt dank des kürzeren und etwas autonomeren Verfahrens solche Selbstverleugung zum Teil erspart. Judith Butler jedenfalls blieb relativ unbeschadet. Und: sie kommt nicht aus dem in Deutschland allzu bekannten "Elfenbeinturm" der Akademie. Sie hat keine Scheu vor Menschen und deren Fragen, sie flüchtet sich nicht in Monologe oder Fachterminologie. Ein weiterer Grund neben anderen für Butlers große Beachtung ist allem Anschein nach das Bekenntnis zum Lesbischsein. Männliche Homosexualität hat an den deutschen Universitäten durchaus Tradition. Darüber wird und wurde nie gesprochen. Mann und Wissenschaft: das gehört zusammen. ("Schwule sind wenigstens männlich.") Eine Frau als Wissenschaftlerin und Lesbe, das bricht zwei Barrieren auf einmal, da ist die Schallmauer.

Judith Butler aber gibt es. In der Gegenwart. Wie sie, Diskriminierungen zum Trotz, scheinbar mühelos ihren Weg geht, ist sie Vorbild nicht nur weiblicher Studierender. Sie hat an diesem Punkt eine Veränderung und Verbesserung in Deutschland erbracht. Seit einiger Zeit ist es schick, lesbisch zu sein, auch an und in der Universität, zuallererst in Berlin.

Neu an Judith Butler ist, dass sie die Diskriminierung als Frau und homosexueller Mensch in den Mittelpunkt ihrer Forschungen stellt. Zwar haben das vor ihr Luce Irigaray und Michel Foucault getan. Doch nur der Mann, Foucault, war vergleichbar medienwirksam wie Butler. Unsere Zeit scheint reifer, auch weil die Frauenbewegung der 70iger Jahre ein Feld geebnet hat, das Butler nun einnehmen kann.

Judith Butler hat sich mit Irigaray wie Foucault auseinandergesetzt, und Hauptgedanken Foucaults zu den Mechanismen der Macht und zur Subjetkkonstituierung weiterentwickelt. Ihr Anliegen, das Leiden, die Diskriminierung der Frauen und der "Andersartigen" nicht zu thematisieren und wissenschaftlich zu entschlüsseln, scheint den Nerv nicht nur der Jüngeren getroffen zu treffen. Endlich erleben wir eine, die nicht nur verschiedene Problemfelder interdisziplinär zusammen denkt, sondern auch jemanden, die das, worüber sie schreibt, am eigenen Leib erlebt hat - und es politisiert. Anders als Luce Irigaray, die sich in den Mantel der Distanz und des Elitären hüllt, wirkt Butler offen. Aus der Sicht ihrer Fans wird sie als eine der ihren angesehen und vereinnahmt.

Butlers Arbeiten sind - gemessen an dem deutschen wissenschaftlichen Anspruch - durchaus zum Teil genial in ihren Ideen, in der Ausführung gelegentlich nachlässig. Butler pflückt sich aus den verschiedenen Theorien Versatzstücke heraus und jongliert mit ihnen. Butler drückt sich in ihren Büchern oft verschleiert aus, dagegen sind die Vorträge einfach und klar strukturiert. In "Körper von Gewicht" ("Bodies that Matter") arbeitet sie die Kritik an "Unbehagen der Geschlechter" ("Gender Trouble") auf, in "Hass spricht" ("Exitable speech") will sie zwar die Zwänge und Machtmechanismen des Rechts und der Justiz analysieren und aufbrechen, hier fehlen ihr jedoch umfassende Kenntnisse des amerikanischen Rechtssystems. So definiert Butler nie, was sie unter "dem Staat" versteht. Der Begriff bleibt bei ihr unerklärt und Projektionsfläche für das Unrecht, das die Justiz Minderheiten zufügt. In diesem Buch zeigt sich exemplarisch, was Butler kann und was nicht: Sie schafft neue, wichtige Verknüpfungen und es mangelt ihr oft an einer sorgfältigen, akribischen und den Sachen angemessenen Aufarbeitung. Dies gesteht Butler bei "Gender Trouble" in einem Interview 1996 selbst ein: "Hätte ich gewußt, wie viele Leute es ("Gender Trouble") schließlich lesen, hätte ich viel mehr Mühe darauf verwendet." Ihrer Karriere hat das nie geschadet.

Doch in der Vereinfachung oder Reduzierung liegt auch die Chance, allgemein verständlicher zu sein. Butler gelingt die Gratwanderung, einerseits "subversiv" zu erscheinen und andererseits ihren Werdegang zielstrebig in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit zu absolvieren. Beispielsweise ist ihre Rede von "queer" vor allem bei denen beliebt, die auch "queer" sein wollen, die subversiv und radikal antietatistisch sind, ohne in Frage zu stellen, was Staat ist. Der Gedanke, dass die und der Einzelne selbst den Staat mit konstituiert, scheint weder bei Butler angekommen, noch bei ihrer Gefolgschaft.

Für die gegenwärtige Debatte in Deutschland mag das Wort "queer" symptomatisch sein. "Queer" hieß in den USA zunächst "pervers". Dass das Wort dort inzwischen oft positiv besetzt ist, zeigt Butler in "Körper von Gewicht". Es drängt sich der Eindruck auf, bei dem Transfer Butlerscher Gedanken und der amerikanischen, feministischen Diskussion nach Deutschland, sei fast nur der Ausdruck "queer" übrig geblieben. Die Entwicklung der Bedeutung des Ausdrucks von "pervers" zu "anders", "schwul" oder "lesbisch", wurde in Deutschland bisher zu wenig nach-gedacht. Sich selbst als "queer" zu bezeichnen klingt eben cooler als "pervers" zu sagen. Hier wird deutlich, dass mitunter nur die amerikanischen Begriffe vereinnahmt werden, statt sich einzulassen auf eine gründliche Infragestellung vergleichbarer Verhältnisse in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Nur so ist erklärbar, wie denen, die sich als "queer" verstehen, bislang verborgen blieb, daß in Deutschland eine sehr fruchtbare Auseinandersetzung feministischer Juristinnen mit Recht und Rechtspraxis im Gange ist, die sogar in einigen Fällen zur Veränderung von Gesetzen geführt hat. Dieses Nebeneinander verdeutlichte eindrucksvoll der in Berlin veranstaltete, Kongreß "Queering Demokratie" der Heinrich-Böll-Stiftung. Wünschenswert wäre an diesem Punkt eine Zusammenführung und ein Zusammendenken des bereits in Deutschland Erbrachten mit den Gedanken, die tatsächlich anders oder neu sind.

Ihre Öffentlichkeitswirksamkeit scheint Butler selbst zu überraschen. In einem Interview vom Juli 1997 sagt sie, daß "sie Popularität nie besonders geliebt hat." Butler ist bei ihren Vorträgen und Auftritten nie sonderlich gestylt. Dennoch entseht der Eindruck, dass sich Butler selbst inszeniert. Ihr Vorteil ist, dass sie dabei so angenehm unprätentiös wirkt. Ihr intelligenter Charme wirkt eben meist unwiderstehlich. Judith Butlers Person und ihren Schriften ist überdies ein durchaus kämpferischer, engagierter Einsatz anzumerken, der sie um so sympathischer erscheinen lässt. Deshalb kann Judith Butler in ihrer minimalistischen Weise als Meisterin der Performanz bezeichnet werden - aber höchstwahrscheinlich würde sie abstreiten, dass sie sich inszeniert. Ob dieses Paradoxon die von ihr vertretene These der Performativität unterstützt oder ihr widerspricht, das bleibt eine schöne Denksportaufgabe.
© 1999

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