Kultur : Die Pille ist 40: Nur keine Umstände

Dorothee Nolte

Atombombe? Relativitätstheorie? Computer und Internet? Vergessen wir das. Nicht sie haben die Menschen des 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt, sondern eine kleine, unscheinbare Kugel: die Pille. So sieht es zumindest die Firma Schering und beruft sich dafür auf gleich zweihundert "führende Historiker". Die Pille, die 1960 auf dem amerikanischen Markt zugelassen wurde, ein Jahr später von Schering auf den westdeutschen Markt gebracht wurde und von 1964 an auch in der DDR zu haben war, wird gerne mit dem Wort "Revolution" in Verbindung gebracht - fast so, als hätte es vorher keine Verhütungsmittel gegeben und als wären die Frauen ihrer Fruchtbarkeit immer hilflos ausgeliefert gewesen. Dabei sind die ersten Berichte über Verhütung, abgefasst auf ägyptischem Papyrus, 4000 Jahre alt, Kondome sind seit dem Mittelalter bekannt, und bereits 1882 erfand ein Flensburger Arzt das Diaphragma.

Aber, und hierin bestand die entscheidende Neuerung der Pille, die älteren Methoden waren entweder unsicher oder erforderten, wie Diaphragma und Kondom, lästiges Fummeln vor dem Akt. Erst die Pille ermöglichte es der Frau, sich ohne Angst vor Schwangerschaft oder Abtreibung auch spontan auf sexuelle Begegnungen einzulassen - und das auf eine klinisch saubere, "moderne" Weise, frei von dem "schmutzigen" Ruf, der dem Kondom lange anhaftete.

Lust und Fortpflanzung konnten getrennt werden, und die Frauen wussten das zunehmend zu schätzen. Heute nehmen nach einer Statistik der Gesellschaft für Sexualforschung 58 Prozent aller Frauen zwischen 20 und 44 Jahren in Deutschland die Pille. Auf Kondome verlassen sich nur 37 Prozent, und alle anderen Verhütungsmethoden liegen weit abgeschlagen dahinter.

"Die Pille hat die sexuelle Befreiung der Frau ermöglicht und die Abtreibungen verringert, damit auch die Zahl der Todesfälle durch illegale Abtreibungen", sagt Hans Peter Rosemeier, Medizinpsychologe an der Freien Universität Berlin.

Ohne Pille wäre die sexuelle Revolution der sechziger Jahre schwerlich denkbar gewesen, und auch die Integration der Frauen ins Berufsleben gelingt leichter, wenn sie Schwangerschaft planen können.

Was heute so normal erscheint, war das Ergebnis jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit. Mehrere Wissenschaftler haben, zum Teil unabhängig voneinander und ohne die Absicht, ein Verhütungsmittel zu erfinden, dazu beigetragen, dass 1960 die erste Pille auf den Markt kommen konnte: der Biologe Gregory Pincus, die Chemiker Carl Djerassi, Russell Marker und Frank Colton und der Gynäkologe John Rock.

Das Präparat, das zunächst gegen Menstruationsbeschwerden eingesetzt wurde, traf auf Widerstände: Anfangs wurde es nur an verheiratete Frauen abgegeben, weil Sex vor der Ehe verpönt war. Hunderte Frauenärzte und Professoren unterschrieben 1964 die "Ulmer Denkschrift", die die "hedonistische Degenerierung der Gesellschaft" durch die Pille anprangerte, und Papst Paul VI. verdammte in seiner Enzyklika "Humanae vitae" 1968 alle hormonellen, mechanischen und chemischen Verhütungsmittel. 1964 lag die Akzeptanzrate der Pille bei gerade mal 1,7 Prozent.

Da die frühen Pillen noch hoch dosiert waren, traten auch Nebenwirkungen mit mehr Wucht auf, etwa Kopfschmerzen, Übelkeit, Gewichtszunahme, Brustspannen und Stimmungsschwankungen. Aber das alles konnte die Pille in ihrem Siegeszug nicht aufhalten. Zwar gibt es bis in die jüngste Zeit hinein immer wieder Debatten über ihre Risiken, speziell was die Häufigkeit von Thrombosen und Brustkrebs betrifft. Man ist sich aber inzwischen einig, dass die Risiken vertretbar sind, sofern Gynäkologen das Präparat sorgfältig verschreiben und zuvor familiäre Belastungen erfragen.

Sogar positive Nebenwirkungen gibt es: Die Pille verringere die Gefahr von Eierstockzysten und -krebs, gutartigen Brusterkrankungen und Blutungsstörungen und wirke auch gegen Akne, heißt es in einem "Familienplanungsrundbrief" der Organisation "Pro Familia".

Feministinnen haben für die Pille gekämpft. Den Anstoß und das Geld für die Forschungen des Biologen Gregory Pincus gaben zwei Frauen, Margret Sanger und Katharine McCormick.

Dennoch entdeckten Feministinnen ab Ende der siebziger Jahre auch Nachteile der Pille. "Die Männer erwarteten nun eine ständige Bereitschaft der Frauen, die in ihren Augen keinen Grund mehr hatten, sich ihnen zu verweigern", schreiben rückblickend die Autorinnen eines "Weiber-Lexikons". Wenn sie sich doch verweigerten, so hätten Männer dafür dank ihres "phallokratischen Sendungsbewusstseins" nur zwei Erklärungen: Die Frau liebe sie nicht oder sei frigide. Häufig kritisierten Feministinnen auch, dass die alleinige Verantwortung für die Verhütung bei der Frau liege. "Wenigen Männern ist es voll bewusst, was wir alles auf uns nehmen, um mit ihnen schlafen zu können", heißt es in dem Klassiker "Unsere Körper, unser Leben".

Heute überwiegt eine pragmatische Abwägung von Vor- und Nachteilen des Präparats. Christina Schneider, Gynäkologin bei Pro Familia, sieht die Vorzüge der Pille vor allem für junge Frauen: "Sie experimentieren noch, lernen ihren Körper und ihre Partner erst kennen, und da wollen sie ein absolut sicheres und unkompliziertes Mittel."

Ältere Frauen dagegen seien oft "pillenmüde", klagten über Nebenwirkungen und stiegen auf andere Methoden um. Viele Frauen lehnen es auch grundsätzlich ab, jeden Tag mit einem Medikament in ihren Hormonhaushalt einzugreifen. Und die Männer? Fühlen sie sich heute eher mitverantwortlich und bezahlen auch mal für die Schachtel? "Die jungen Leute sprechen freier darüber", vermutet Christina Schneider. Hans Peter Rosemeier ist da weniger zuversichtlich: "Auch bei den jungen Leuten ist die Verhütung Sache der Frau. Das muss jede Generation von Null auf wieder lernen."

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