Kultur : Die Pille ist 40: Sie vermehren sich

Maren Peters

Die erste Pille hätte auch als Hustensaft oder Halsschmerztablette durchgehen können. Nach sexueller Revolution zumindest klang das nicht: "Anovlar" taufte die Berliner Schering AG das Präparat, das am 1. Juni 1961 in europäische Apotheken kam. Die Packung mit 20 Pillen kostete 8 Mark 60. Fast schon billig im Vergleich zu ihren modernen Nachfolgerinnen. Für die jüngste Pillen-Kreation aus dem Hause Schering, Yasmin, müssen Kundinnen allmonatlich schon 23 Mark 75 berappen. Dafür sind die Namen der modernen Verhüterlis auch sehr viel sinnlicher als die ihrer Urgroßmutter. Diane, Mirena oder Yasmin - das klingt schon eher nach Lust und Liebe.

Die Pille hat es weit gebracht in den letzten 40 Jahren. Auch als Wirtschaftsfaktor. Rund 120 verschiedene Produkte sind auf dem Markt - mit unterschiedlicher Zusammensetzung je nach Art der verwendeten Hormone und der Dosierung.

Noch viele Märkte unerschlossen

Allein im vergangenen Jahr bestellten die deutschen Apotheker nach Angaben der Marktforschungsgesellschaft IMS Health 26,8 Millionen Pillen-Packungen im Wert von mehr als 466 Millionen Mark beim Pharmagroßhandel. Allein Schering, Hersteller jeder zweiten hier verkauften Pille, setzte im vergangenen Jahr mit Verhütungsmitteln rund 963 Millionen Euro um - und hält einen Weltmarktanteil von 30 Prozent.

Weltweit wurden im vergangenen Jahr 3,8 Milliarden Euro mit oralen Verhütungsmitteln umgesetzt, 2007 sollen es sogar über fünf Milliarden Euro sein. "Die Zukunft der Pille liegt erst noch vor uns", sagte Schering-Vorstandsmitglied Ulrich Köstlin am Donnerstag, einen Tag vor dem 40. Geburtstag der Pille. Hoffnung setzt er vor allem auf das Ausland: Die Pharmakonzerne profitieren von der weltweit hohen Zahl ungewollter Schwangerschaften und der weiterhin steigenden Bevölkerungszahl. So ist selbst in den Vereinigten Staaten noch immer jede zweite Schwangerschaft nicht gewünscht. In Russland kommt auf jede ausgetragene Geburt eine Abtreibung.

Keine einzige Packung nach Afrika

In Deutschland schluckt dagegen die Hälfte der Frauen, die verhüten, die Pille. Bei den unter 18-Jährigen verwendeten nach Angaben von Pro Familia sogar 70 Prozent der verhütenden Frauen die Pille - mit der Folge, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei den 15- bis 17-Jährigen bei etwa vier Prozent aller Abbrüche und damit im internationalen Vergleich sehr niedrig liege. Jenseits Europas ist die Akzeptanz der Pille gering. So liegt die Quote in Asien bei gerade einmal zwei bis drei Prozent. In Japan war die Pille bis vor eineinhalb Jahren sogar ganz verboten. Das spiegelt sich auch in der regionalen Umsatzverteilung wider: 57 Prozent der Umsätze mit Produkten für Verhütung und Hormontherapie werden in Europa gemacht, elf Prozent in den USA und gerade zwei Prozent in Japan.

Für Pharmaunternehmen sind das verlockende Aussichten: "Die Wachstumsmöglichkeiten sind enorm", sagt Köstlin. Allein in den Industrieländern geht er von Zuwachsraten von 30 bis 40 Prozent in den nächsten Jahren aus. Andererseits verkauft das Unternehmen keine einzige Pille nach Afrika. Dafür hat Schering in den letzten Jahren Zykluspackungen im Wert von 1,5 Milliarden Euro "zu geringen Kosten" an internationale Hilfsorganisationen geliefert.

Nicht eingeschlossen in den Zukunfts-Rechnungen ist die "Pille für den Mann", von der sich viele Frauen die nächste Revolution versprechen. "Seit 20 Jahren werden wir gefragt, wann sie denn endlich kommt", sagt Köstlin. Ein bisschen Geduld ist noch immer erforderlich. Schering arbeitet zwar an der neuen Pille, erwartet aber frühestens für 2007 die Marktzulassung.

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