Kultur : Die Pillen des Wunderheilers

Jörg Königsdorf

über türkische Ohrmuschelmedizin Die Biografie der Komponistin Sinem Altan ist zwar noch kurz, aber schon reichlich einschüchternd: Schon mit neun Jahren bekam sie die Zulassung zur Uni ihrer Heimatstadt Ankara. Mit elf bestand sie die Aufnahmeprüfung an der Berliner Hanns-Eisler-Musikhochschule, an der sie seither studiert, und erntete mit ihren Werken etliche Preise und Auszeichnungen. Die 20-jährige Türkin ist jedoch nicht nur eine jener musikalischen Frühbegabungen, die die Welt seit Mozarts Zeiten faszinieren. Altem demonstriert gewissermaßen am eigenen Leib, dass die deutschtürkische Szene, in der sie aufgewachsen ist, nicht nur ein Brennpunkt sozialer Spannungen und familiärer Tragödien, sondern auch kultureller Humus sein kann. Dass es gerade die Erfahrung von Fremdheit und die Konfrontation verschiedener Traditionen ist, an der sich die kreative Auseinandersetzung am leichtesten entzündet.

Die Klangwerkstatt, Berlins verdienstreiches Forum für junge Komponisten, hebt Altans erste Oper am Freitag (auch 12. u. 13. November) aus der Taufe. Vom Saalbau Neukölln braucht man nicht mal über die Straße zu gehen, um sich türkisches Leben in Deutschland vor Augen zu führen. Mesir-Pastillen zeigt denn auch, dass Altan ihre Herkunft nicht vergessen hat: Die Geschichte dreht sich um die Erfindung eines gleichnamigen Medikaments, mit dem einst ein Wunderheiler die Gemahlin Sultan Suleimans des Prächtigen heilte. Kombiniert wird die Kurzoper mit zwei weiteren szenischen Uraufführungen: der „Klage des Pleberio“ von Michael Hirsch und der auf Luigi Nonos legendäre „Fabbrica illuminata“ reagierenden „Fabbrica abbandonata“ des DDR-Altmeisters Georg Katzer.

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