Kultur : Die Plot-Maschine

Amphetamine und Schizophrenie: Philip K. Dick schuf die Vorlage zu „Minority Report“

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Von Eric Mandel

Wenn dieser Tage „Minority Report“ in den Charts-Himmel durchstartet, ist dies die dritte Blockbuster-Verfilmung einer Geschichte von Philip K. Dick. Material für eine Fortsetzung der erfolgreichen Liaison ist vorhanden: Der Autor hinterließ nach seinem Tod 1982, fast zeitgleich mit der Premiere von Ridley Scotts erster Werksadaption „Blade Runner“, mehr als 50 Kurzgeschichten und fast ebenso viele Romane. Wer war dieser Mann, der der Illusionsmaschine Hollywood nach seinem Tod wie ein Plot-Organspender diente – von „Blade Runner“ bis zu „Minority Report“?

Zunächst: ein Zwilling, dem der Tod der Schwester zwei Wochen nach der Geburt 1928 in Chicago lebenslanges Trauma sein sollte. Anfang der fünfziger Jahre begann Dick, neben dem Job in einem Plattenladen Kurzgeschichten für Science-Fiction-Magazine zu schreiben. Sie funktionierten ein bisschen wie italienische Opern: erst rasch das Setting und die Protagonisten, und sodann zügig durch wilde Verwicklungen zur meist makabren Pointe. Erst mit seinen Romanen fand er zehn Jahre später zu einem elaborierten Stil.

Dicks erste Story, „Roog“ kam noch ganz ohne futuristische Umgebung aus: Er erzählt von einem Hund, dessen Wahrnehmung Müllmänner als Feinde des geliebten Hauses identifiziert, während seine Umwelt demgegenüber völlig gleichgültig ist. Das Thema alternierender Wahrnehmung ist die für das Kino ergiebigste Goldader in Dicks Werk: von der Paranoia über Schizophrenie bis hin zu Verwerfungen in der Zeit - durch Zeitreisen oder die Gabe der Präkognition, die auch die Basis für „Minority Report“ bildet.

Virtuos spielte Dick mit Zuständen, die er nur zu gut kannte. Seine vierte Ehefrau litt, wie er selbst, an schizophrenen Schüben, dazu kamen amphetaminbefeuerte Schreibsessions, zu denen ihn seine prekäre finanzielle Situation zwang, oder Experimente wie Vitaminüberdosen, die sein Unterbewusstes stimulieren sollten. Damit rief er Geister, die er nicht wieder los werden sollte: Immer wieder hörte er Stimmen und hatte quasi-religiöse Visionen. Die Suche nach deren Ursprung beschäftigte ihn lebenslang und schlug sich in der schizoiden Erzählperspektive seines Romans „Valis“ (1981) nieder, in der eine objektive und eine subjektive Position in tobendem Widerstreit zueinander stehen.

Hollywood stürzte sich zunächst auf die originellen Plots seiner frühen Geschichten, deren Settings mit der Auffassung von Science Fiction nach Kubricks „2001“ und den Apollo-Missionen der NASA freilich nur noch schwer vereinbar waren. Fortschritt offenbart sich bei Dick noch in Form von fliegenden Autos, kommunikationsbegabten Türen und hocheffektiven Vernichtungswaffen – übertroffen nur von der Zahl der Zigaretten, die in seinen Stories geraucht werden.

Diese charmanten Anachronismen werden im Film stets einer möglichst kohärenten Zukunftsvision geopfert. Die schlichte Karte mit dem n des nächsten Mörders, die der Computer in der Kurzgeschichte „The Minority Report“ (1956) ausspuckt, wird durch Tom Cruises virtuoses Spiel mit den Datenmengen an die PC-Erfahrungen des Publikums angepasst. Auch der Retina-Erkennungstest, der im Film eine entscheidende Rolle spielt, ist für die Science-Fiction-Welt der fünfziger Jahre ein zu subtiles Mittel.

Vergleicht man die gläsernen Wolkenkratzer von Spielbergs Set-Design mit dem regnerischen Moloch Los Angeles aus „Blade Runner“ und schließlich dem multikulturellen Mars-Ambiente von „Total Recall“, zeigen sich historische Phasen popkultureller Großstadtmetaphorik, die allesamt Dicks pessimistische Vision der Zukunft widerspiegeln. „Blade Runner“ übernahm den Gesellschaftsentwurf seiner Vorlage "Do Androids Dream Of Elctric Sheep?" (1968), in der die irdischen Restmenschen sich Roboter-Replikanten als untergeordnete Klasse halten. Auch Christian Duguays „Screamers“ von 1995, eine Adaption der Short Story „2nd Variety“ (1953) handelt in bester B-Picture-Manier von autonomen Maschinen, die ihre Erschaffer bedrohen.

Doch erst das postmoderne Kino machte Dicks Kernsujet der divergierenden Wahrnehmungen zum eigenen Leitmotiv: Es ließ sich hervorragend in eine Filmsprache umsetzen, die den Pfad der zuverlässigen Erzählperspektive zugunsten komplexer Täuschungsmanöver zu verlassen begann. Bereits Paul Verhoeven stellte in „Total Recall“ (1990) nicht nur die Identität des Protagonisten Quaile, sondern die Existenz von Identität überhaupt in Frage. Quaile behandelt die implantierten Erinnerungen als gültig und kommt so zu seinem Happy End. Die Wendungen der Kurzgeschichte „We Can Remember It For You Wholesale“ (1966), in der eine Reise zum Mars gar nicht vorkommt, wurden von Verhoeven humor- und phantasievoll weitergedreht.

Spielbergs „Minority Report“ benutzt seine Vorlage eher als Rohstofflager für originalitätsversessenes Bewegungskino. Feinheiten wie die biografische Motivation des vor der Pensionierung stehenden Protagonisten Anderton, das paranoide Verhältnis zu seinem jüngeren Kollegen, die Schlüsselrolle seiner Ehefrau oder die technische Verachtung, die er den drei Mutanten entgegenbringt, werden dem Superstar-Image von Tom Cruise untergeordnet. Einzig in Andertons – hinzugedichteter – Vorliebe für Drogen lässt sich eine Hommage an den gequälten Geist seines Erschaffers lesen.

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