Kultur : Die Poesie des Fensterkitts

Was wird aus Schinkels Altem Museum? Ein Kolloquium über die Restaurierung

Michael Zajonz

„Erst erfreuen, dann belehren“ – so jedenfalls beschied Karl Friedrich Schinkel die Kritiker seines zwischen 1823 und 1830 am Berliner Lustgarten errichteten Alten Museums. Der vielleicht vielschichtigste Schinkel-Bau markiert nicht nur die institutionellen Wurzeln der 1999 in die Welterbeliste der Unesco aufgenommenen Museumsinsel. Mit ihm hat Schinkel Architekturgeschichte geschrieben – obwohl die grandiose Abfolge von Säulenhalle, offener Treppenhalle und Kuppelsaal weltweit ohne Nachfolge blieb.

1945 ausgebrannt, bis 1966 teils restauriert, teils modernisiert, ist der klassizistische Monumentalbau erneut zum Pflegefall geworden. Die Staatlichen Museen, das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) und die Technische Universität Berlin informierten nun auf einem Kolloquium am vergangenen Sonnabend über die anstehende Generalsanierung. Damit sollte – so sah es der 1999 präsentierte „Masterplan Museumsinsel“ vor – noch in diesem Jahr begonnen werden. Auf Grund aktueller Finanznöte ist nun bis 2008 lediglich mit „vorgezogenen Maßnahmen“ wie der unerlässlichen Reparatur der Freitreppe zu rechnen.

Wie viel modernes Museum passt in ein historisches Gehäuse? Eine Frage, die Denkmalpfleger, Architekten und Museumsleute in Berlin noch Mitte der Neunzigerjahre kontrovers beantwortet haben. Doch nachdem Finanzvolumen und Zeitrahmen abgesteckt, der hohe Denkmalwert aller fünf Häuser der Insel herausgearbeitet und ihre museale Verknüpfung verfeinert worden sind, verstummten die schrillen Töne.

Der mit der Ertüchtigung des Alten Museums beauftragte Architekt Christoph Sattler (Hilmer & Sattler und Albrecht, München/Berlin) – durch die neue Gemäldegalerie und die Renovierung des westlichen Stülerbaus für die Sammlung Berggruen bekannt – ließ sich tief in aktuellste Pläne schauen. Schinkels Treppenhaus, das sich hinter monumentalen Säulen versteckt, doch zugleich Teil des Außenraumes ist, schafft modernen funktionalen und klimatischen Standards gewaltige Einschränkungen. Seit 1992 behilft man sich mit einer Glaswand, deren Abbau immer und immer wieder angemahnt wird.

Sattler verlegt die Verbindung der beiden Hauptgeschosse ins Innere. Zwei (historische) Schächte in der Ummantelung der Rotunde sollen künftig 1,6 Meter schmale Treppen aufnehmen. Sicher ein Kompromiss, dessen Tragweite erst in der von TagesspiegelRedakteur Bernhard Schulz moderierten Abschlussdiskussion aufschien. Denn die von Landeskonservator Jörg Haspel angemahnte „denkmalverträgliche Nutzerfrequenz“ dürfte sich vor diesen vertikalen Angst-Röhren nur per Ellbogen durchsetzen lassen.

An vielem wird auch im Jahre Fünf der Entwurfsplanung noch gefeilt. Etwa an den schmalen Brücken, mit denen der Rundgang des Obergeschosses in den dann glasüberdachten Innenhöfen geschlossen wird. Oder an den neuen Doppelfenstern, deren äußere Flügel bis in die „poetischen Kittfugen“ ihrer Glasscheiben nachgeschinkelt werden.

Überraschend ist der hohe Anteil der aus der Schinkelzeit stammenden Substanz. So erhielt sich etwa die komplette und, wie Tragwerksplaner Martin Krone zeigte, nur in der Nordwestecke schwerer geschädigte Pfahlgründung – und sogar Schmankerl wie das eiserne Oberlicht der Rotunde. Zugleich geht es auch hier um eine Restaurierung älterer Restaurierungen oder gar, wie in der Rotunde, um die konservatorische Behandlung einer DDR-Rekonstruktion. Jörg Haspel sieht es realistisch: „Wir werden unter dem Label ,Weltkulturerbe‘ zu Lösungen kommen, die die unterschiedliche Befundlage der einzelnen Häusern wiederspiegeln.“

Auch dem historischer Interesse boten sich aufregende Details. Seit 1998 sucht eine Gruppe junger Bauforscher der TU Berlin nach dem „Urbau Schinkels“. Elgin Röver, Hanna Liebich und Dina Sperl führten vor, was der mikroskopisch genaue Blick auf den Bau und die penible Auswertung von Akten – beim Alten Museum 300 Bände –, Zeichnungen und historischen Fotos an Erkenntnissen bringt. Ein Aufwand, der scheinbar unvermeidliche Planungsfehler verhindert und unser Bild des Künstlers erweitert. 1826 besuchte Schinkel die Baustelle des Londoner British Museum. Sein lapidarer Kommentar: „Konstruktionen sind nicht zu loben.“ Das, so dürfen wir nun erfreut feststellen, hat er in Berlin schon vor der Errichtung der Bauakademie besser gemacht.

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