Kultur : Die Poesie des Wetterberichts

Wayne Shorter, der begnadete Saxofonist, wird heute Siebzig

Kai Müller

Gemurmel. Menschen warten auf einen Bus, stehen in einer Schlange. In diese Kakophonie hinein schiebt sich eine Basslinie, über die sich weitere Linien legen, wie Girlanden umspielen sie das Thema. Der Lärm wird dichter, aufgeregter, und die Melodie, die als Ahnung schon im Raum steht, zögert den Moment der Selbstoffenbarung hinaus. Dann ein Break und der Song stürmt los, trudelt in eine euphorische Figur, eine Art Lobgesang. Jetzt müsste sich der Song eigentlich selbst ausblenden. Aber da setzt ein Sopransaxofon ein, als fiebrige und näselnde Furie krächzt es kurze, repetitive Kommentare. Blafft den Rest der Band fürchterlich an – und gewinnt so langsam die Oberhand, bevor es erschöpft und bitter verstummt.

„Black Market“ heißt das Stück, das Weather Report 1976 auf dem Gipfel der Fusion-Welle aufgenommen haben. Am Saxofon: Wayne Shorter, Gründungsmitglied der Band, die er mit dem Österreicher Joe Zawinul sechs Jahre zuvor ins Leben gerufen hatte und die zu den kreativsten Formationen der Electric-Jazz-Ära gehört. In gewisser Weise bringt dieses Shorter-Solo das ganze Dilemma eines Saxofonisten auf den Punkt, der sich nach John Coltrane in der Jazzmusik zurecht finden muss. Shorter verheimlicht mit seinem überblasenen, dynamischen Ton nicht einmal, wie dankbar er seinem Vorbild ist. Aber wo dieser sich in rasante, meditative Skalen versenkte, sucht Shorter das Drama.

Wayne Shorter, der heute 70 wird, ist eine Lichtgestalt der Post-Coltrane-Epoche. Vielleicht der einzige Saxofonist, der zunächst überhaupt nicht wie Coltrane spielte, dann unter den Einfluss des modalen Jazz geriet, immer häufiger Anleihen bei ihm suchte und schließlich zu einer sehr eigentümlichen, hartleibigen Wärme und Poesie fand, die sich aus Coltranes Schatten gelöst hat. 1933 in Newark, New Jersey geboren, der Stadt der Brücken, die alle nach Manhattan führen, studierte Shorter zunächst Musikpädagogik, bevor er als Profimusiker in den Sog des Hardbop geriet. Mit dem sieben Jahre älteren Coltrane verband ihn eine enge Freundschaft. „Wir analysierten gegenseitig unsere harmonischen Ideen. Zuerst spielte er, ich hörte zu, und dann umgekehrt.“ 1959 trat Shorter Art Blakeys Jazz Messangers bei und kultivierte dort einen eher vulgären, aufmüpfigen Ton. Als er sich nach Coltranes Ausscheiden um einen Job im Miles Davis-Quintett bewarb, wurde er brüsk abgewiesen. Erst 1964 hatte Davis ein Einsehen. Mit Shorter formierte sich nun eine der wichtigsten Jazzbands der Dekade, die bis zur Veröffentlichung von „Bitches Brew“ (1970) sukzessive den Übergang zum elektrischen Jazz vorantrieb.

Mit Weather Report stellte sich der für einen Jazzmusiker sehr gebildete Shorter ab 1971 dem Problem der Freiheit mit einem kühnen Entwurf: Die Grenzen zwischen auskomponierter Struktur und Improvisation erodieren. Noch heute schwebt dem praktizierenden Buddhisten als Ideal eine Gruppe von Musikern vor, „in der die einzelnen Mitglieder während des Spiels simultan komponieren“. Wie schwierig dieser Ansatz in die Tat umzusetzen ist, demonstriert Shorters langes Schweigen nach dem Zerfall von Weather Report 1985. Erst im letzten Jahr veröffentlichte er mit „Footprints live“ wieder ein hoch gelobtes, akustisches Album unter eigenem Namen.

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